Chocolate Season

Monat: November. Wetter: spätherbstlich trübe. Stimmung: mies. Therapie: naschen erlaubt.

Es ist ein Klischee und dennoch für viele Menschen Realität: Im November, dem Herbstmonat mit wenig Sonnenlicht, Nebel, Regen, Windböen und zunehmend fallenden Temperaturen, beginnt das Leiden. Zumindest für diejenigen unter uns, die sensibel auf die genannten Wetterveränderungen reagieren. Auch wenn es nicht zu einer ausgewachsenen depressiven Verstimmung kommen muss, ist dieser düstere Monat eine Herausforderung für alle, die jetzt nicht in wärmere Regionen mit blauem Himmel und Sonnenschein entfliehen können. Also für die meisten von uns Mitteleuropäern. Wir sitzen in Deutschland unter einer schmutzig grauen, manchmal tagelang komplett geschlossenen Wolkendecke. Ich schaue in diesen Wochen deutlich häufiger aus dem Fenster als sonst, auf der Suche nach einer Wolkenlücke, nach einem Sonnenstrahl, so schwach er auch sein mag.

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Schokolade, doch der November ist mein Schoko-Sehnsuchts-Monat des Jahres. Zwar esse ich sie auch dann nicht tafelweise, leere keine Schachtel Pralinen an einem Abend vor dem Fernseher (das passiert sowieso nur in Hollywoodfilmen). Zweimal täglich zelebriere ich aber ganz bewusst die Geschmackskombination von Kaffee und Schokolade. Ein dunkles Stück mit hohem Kakaoanteil zum Becher Kaffee nach der Mittagspause, zum Espresso nach dem Abendessen eine ausgesuchte Praline. Mund öffnen, Schoko oder Praline auf die Zunge legen, Augen schließen, sobald die Masse zu schmelzen beginnt einen Schluck Kaffee/Espresso nehmen und – warten. Den Moment, wenn die Mischung die Geschmacksknospen der Zunge explodieren lässt, nenne ich Glück. Qualität statt Quantität lautet meine Erfolgsformel bei diesem Soul Food. Statt Megatafeln oder riesige Schachteln aus dem Discounter gönne ich mir eine handverlesene Auswahl aus der Confiserie. Die Caféhauskultur in Berlin passt wunderbar in mein Anti-Depressionsprogramm. Statt in den kleinen Coffee Shop an der Ecke wandere ich zur Espressobar, um mir französisches Gebäck zu gönnen. Oder ich nehme mir den Freitagnachmittag frei vom Schreiben, um ihn bei einem wirklich, wirklich sündigen Stück Torte und Live-Pianomusik zu verbringen. Ein Vergnügen, was sich wie aus einer Welt von gestern anhört, dass ich mir jedoch mit Berlinern jeden Alters teile, wie das immer voll belegte Café beweist.

Die Fakten hinter diesem kleinen Alltagsglück: Kakao enthält Stoffe, die uns glücklich machen können. Neben Wachmachern wie Koffein oder dem Pflanzenstoff Theobromin findet sich auch ein Baustein des Glückshormons Serotonin. „Der Glückseffekt durch diese Stoffe ist allerdings gering. Die Sensorik spielt beim Schokoladeessen die wichtigste Rolle. Kakaobutter schmilzt bei Körpertemperatur. Sie lässt die Schokolade im Mund zergehen und hinterlässt ein angenehm volles Gefühl. Aromen reizen die Geruchszellen in der Nase und erzeugen einen intensiven Geschmack beim Kauen. Das erregt die Sinne so stark, dass positive Empfindungen entstehen“, erklärt Prof. Dr. phil. Michael Macht von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Würzburg. (Quelle: Spiegel Online)

Der Kakaoeffekt ist also vor allem psychischer Natur, doch der November Blues verlangt geradezu nach diesen emotionalen Momenten der Geschmackspotenzierung. Da ich nicht übermäßig naschen mag, weil die Kalorien wenig später als deutlich sichtbare Zeichen auf der Hüfte sitzen, hilft mir zudem meine spezielle Gute-Laune-Lektüre für besonders graue Tage. Keine anspruchsvolle Literatur, nur leicht zu lesende Schmöker, die nicht zu den Neuerscheinungen gehören, sondern seit Jahren einen festen Platz in meiner Bücherwand belegen.
Die ersten beiden Bücher sind noch in Restbeständen erhältlich, Nummer drei findet man nach wie vor im Sortiment des Buchhandels.

Das Brot des Lebens (Judi Hendricks, Heyne Verlag)
Wie aus einer Leidenschaft ein Beruf wird, erzählt die Geschichte von Wyn. Sie steht vor dem Ruin ihrer Ehe, hat weder eine Wohnung noch eine Zukunft. Aus der Krise hilft ihr schließlich die Erinnerung an einen lange aufgegebenen Traum: Sie will backen.
Mit Wyn erlebte ich schon viele Stunden in der wohligen Wärme vor dem Backofen mit dem Duft frischen Brotes in der Nase. Der November Blues hatte dabei keine Chance.

Winter und Schokolade (Kate Defrise, Heyne Verlag)
Die Geschichte um drei Schwestern, die ihren verwitweten Vater zu Weihnachten nur widerwillig besuchen, birgt auf den ersten Blick wenig Spannung und schon gar keine Tiefe. Und doch bin ich schon nach wenigen Seiten gefangen von der Atmosphäre, zu der nicht zuletzt die Familienrezepte für Mousse au Chocolat und für original belgische heiße Schokolade beitragen. In Gesellschaft von Jacqueline, Colette und Magali werde ich vermutlich die Nachmittage des kommenden Wochenendes verbringen.
Ach ja, und mit einem Stück dunkler Schokolade zum Kaffee.

Der Christmas Cookie Club (Ann Pearlman, Marion von Schröder Verlag)
Zu keiner anderen Jahreszeit bin ich derart verführbar, über Plätzchen, Schoko und Co. zu lesen wie im November und Dezember. Manche mögen es Spleen nennen, wunderliche Neigung oder romantische Verirrung. Ich stehe zu all dem, und ich lese jedes Jahr erneut die Story der zwölf Freundinnen, die sich alljährlich im Dezember zum Christmas Cookie Club treffen, um sich zu erzählen, was in den zurückliegenden zwölf Monaten in ihrem Leben passiert ist. Ich liebe es, wenn Juliet Pennsylvania Dunkers mitbringt, Sissy ihre Cheeseburger-Cookies auspackt, Allie die Runde mit Chanukka-Fruchtbällchen überrascht oder Charlene die Freundinnen mit Schoko-Mandel-Pralinés verwöhnt. Im Mittelpunkt stehen die Lebensberichte der Frauen, allerdings kann man dem Begehrlichkeitsgefühl, das die Kekse während des Lesens unweigerlich aufkommen lassen, kaum entkommen. Dem Buch ist ein Rezeptheft beigelegt, für alle, die die Küche stürmen, sobald der Buchdeckel zugeklappt ist. Von der Küche halte ich mich fern, stattdessen schaue ich im Regal, welchen Herbst-Blues-Schmöker ich als Nächstes auswählen könnte.

Meine aktuelle Schreibstimmung: Es ist früher Nachmittag, draußen ist es schon fast dunkel. Zum Glück wirkt noch das Stückchen Zartbitterschokolade, das ich mir vorhin gegönnt hatte.
Der Lippenstift: „Miss Conduct“ von Smashbox      HKW_Website_ Icon Artikelende