Doors in the city

von Lifestyle

Wie soll man es nennen – Laune, Lust, Passion, Eifer, Leidenschaft? Ich habe mich entschieden, es Leidenschaft zu nennen, meine neue Leidenschaft.

Während ich durch die Straßen Berlins laufe, fallen mir immer wieder die alten Haustüren auf. Meist sind es Häuser aus der Zeit um die Jahrhundertwende, deren Eingangstüren mir ins Auge fallen. Sie sind ein- oder doppelflügelig, aus Holz, mit glatter Oberfläche oder mit Messingornamenten verziert, selten naturbelassen, sondern in braun oder schwarz, oftmals jedoch in bunten Farben matt oder glänzend lackiert. Ihre kleine Schwester, der bescheidenere ehemalige Dienstboteneingang, interessiert mich weniger. Sie trägt die gleiche Farbe, ist aber schmaler, niedriger, einflügelig und selten aufwendig verziert. Neben dem imposanten Eingang ins noble Großstadthaus führt sie ein Schattendasein.

Haustüren bestaune ich auch in anderen Metropolen. Paris fällt mir dazu natürlich zuerst ein. Die eleganten, besonders hohen Eingangstüren zu Pariser Stadthäusern. Auch in Barcelona und London stoppe ich vor Hauseingängen. Stelle mir vor, das Haus, in dem meine Wohnung liegt, durch eine solche Tür zu betreten. Was für ein Gefühl würde das sein. Kein moderner Null-Acht-Fünfzehn-Zugang, sondern ein Eintritt mit Stil.
Vor ein paar Tagen beschloss ich, Berliner Haustüren zu fotografieren, an denen ich häufig vorbeigehe, die ich jedes Mal bewundere, wenn ich vor ihnen stehen bleibe. Künftig werde ich sie fotografieren, die Bilder sammeln und später sehen, was ich damit anfangen möchte. Ob ich über einen Jagdinstinkt verfüge, einem „Großstadtskill“, wie ihn der Psychiater und Stressforscher PD Dr. med. Mazda Adli in seinem Buch Stress and the city (Verlag C. Bertelsmann) bei Menschen vermutet, die in der Stadt leben, weiß ich nicht. Manche Architekten fordern, dass eine Straßenfassade pro hundert Meter mindestens zehn Türen besitzen solle. „Die vielen Türen machen den Betrachter neugierig, lassen viele Interpretationen und Erklärungen über ihre Bedeutung zu und lassen ihn fragen, was er dahinter erwarten könnte“, so Mazda Adli.

Den Stimmulationsort Großstadt nutzen könnte man meine lange latente und jetzt akute Neugier auf fremde Haustüren nennen. Allerdings lässt sich bei meinem Vorhaben ein Fakt kaum schönreden: Ich bin alles andere als eine begnadete Fotografin. Was ich beharrlich mit dem Argument „ich habe einen Knick in der Optik“ begründe. Es geht mir auch überhaupt nicht darum, veröffentlichungsreife Fotos zu knipsen. Oder zum wiederholten Mal in meinem Leben einen neuen Beruf zu erlernen.
Keineswegs. Keine Fotoalben online, keine neue Website für HKW the photographer. Nichts von alledem, sondern nur eine weitere Leidenschaft, der ich nachgehen will. Und zwar ohne die Verbissenheit vergangener Jahre, in denen jede Idee zu einem Ziel führen sollte.

Ein neu entdecktes Hobby? Vielleicht. Neugier? Ohne Frage. Das Ziel? Bislang keines. Der Sinn? Pure Lust, was sonst. Und was hat das Fotografieren alter Haustüren mit dem Schreiben zu tun, meiner wichtigsten und normalerweise allerliebsten Beschäftigung? Die ehrliche Antwort: Bislang habe ich null Ahnung, aber ein paar Ideen gehen mir durch den Kopf:

Sollte ich Spaß an der Fotosession entwickeln (nein, dann werde ich immer noch keine gute Fotografin sein), werde ich größere Kreise durch die Stadt ziehen als bisher.
Das bedeutet, ich lerne weitere Kieze kennen.
Bin ich erst einmal dort, dürfte sich meine Caféliste erweitern.
Anderes Café heißt neue Leute treffen.
Leute treffen gibt mir Stoff für Geschichten.
Geschichten erzählen natürlich auch die Türen und die Häuser, zu denen sie Zutritt gewähren.
Manchmal treten Leute eben durch die Tür nach draußen, während ich am Gehweg stehe und die Haustür bewundere. Es besteht also die Chance, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen.
Gut möglich, das eine oder andere Foto stellt sich als geeignet zur Illustration eines Blogartikels heraus.
Könnte sein, ich bekomme Lust, mehr über Hauseingänge während der Jahrhundertwende zu lernen,
um darüber zu schreiben.
Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass ich über Menschen schreibe, die in vergangenen Zeiten durch die noblen Türen in das ebenso noble Haus traten.
Oder über die Bewohner von heute, die dem Charme des Vergangenen erlegen sind und es lieben, in einem Haus zu leben, dessen Baujahr im 19. Jahrhundert datiert.

Wohin mich also meine neu entdeckte Beschäftigung führen wird, lasse ich auf mich zukommen.
Eine Erfahrung, die mir im Grunde fremd ist. Normalerweise verlasse ich mich auf einen Plan.
Aus Ideen stricke ich Konzepte mit Zeitfenster.
Dieses Mal will ich das nicht. Ich gebe ich mir die Chance, etwas Interessantes zu entwickeln – oder einen Sommer lang Berlin durch die Linse zu sehen.
So oder so: Den Blickwinkel zu ändern brachte die Menschen noch immer weiter.

Meine aktuelle Schreibstimmung: Ich stoße die Tür zu einem für mich bislang unbekannten Schreibthema auf.
Der Lippenstift: „Challenge Authority“ von P2        HKW_Website_ Icon Artikelende

Last modified: 16. Juli 2017

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