Handwerk? Kunst?

Wie wird man die Journalistendenke los, um endlich kreative Texte zu schreiben?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Handwerk und Kunst sind keine Gegensätze, nicht im Autorenberuf. Wer Texte verfasst um sie zu veröffentlichen, kommt ohne Rüstzeug nicht aus. Grammatik, Orthografie und Interpunktion gehören in den Werkzeugkasten von Journalisten wie von Autoren. Ob ein journalistischer Text als Kunst zu bezeichnen ist, sei dahingestellt. Kreativität zählt nicht zu den geforderten Kernkompetenzen dieses Berufes. Sicher gibt es Fähigkeiten wie etwa die Interviewkunst, was bedeutet, dem Befragten substanzielle Informationen zu entlocken. Wobei eine Frage wie „Waren Sie heute in der Kirche?“, die eine der Moderatorinnen kürzlich während des Kanzlerduells allen Ernstes an Kanzlerin und Herausforderer richtete, allerdings weder als Interviewkunst, ja nicht einmal als solides Journalistenhandwerk zu bezeichnen ist, wenn man bedenkt, welche Fragen die Wähler tatsächlich interessierten.

Als ich im vergangenen Jahr Mein blauer Lippenstift startete, war es mein Ziel, die Journalistin HKW allmählich in den Ruhestand zu verabschieden und die Autorin Heide Kuhn-Winkler auf die Spielwiese des fantasievollen Schreibens zu schicken. Doch ich stelle fest: Die Journalistin will sich nach wie vor nicht verabschieden. Zumindest beim Bloggen fällt es mir schwer, mich von dem Ratschlag zu distanzieren, Thema und Text auf die anvisierte Leserzielgruppe abzustimmen. Profiblogger nennen das einen Mehrwert generieren. Was mich stört, ist die mitgelieferte Erklärung, es komme weniger auf die Schreibe, dafür umso mehr auf den mit den richtigen Reizworten durchtränkten Content an, der die Anzahl der Klicks blitzschnell in die Höhe klettern lasse. Am besten solle man Blogs verfassen wie „Wie kocht, baut, schreibt man…“, „Die 10 besten, schnellsten, günstigsten…“ oder „Meine Geheimtipps fürs Shoppen, Last Minute Ticket ergattern, Luxushotel zum Minipreis buchen…“, dann könne man sich vor Lesern kaum retten.

Aber: Das ist soooo langweilig. Denn: Diese Ratgeber sind millionenfach zu finden, in jeder Sprache, für jeden Geschmack, für jeden IQ. Diese Erkenntnis verlangt nach einem erneuten Anlauf, weg vom journalistischen Schreiben (Handwerk?), hin zum Fantasietext (Kunst?). Beim Nachdenken über diesen Blogbeitrag fällt mir auf, dass ich wieder einmal die Hilfe einer erfahrenen Künstlerin, die auch Schriftstellerin ist, benötige: Julia Cameron, deren Ratgeber Der Weg des Künstlers (Knaur Verlag) seit der Erstveröffentlichung Anfang der 90er immer wieder aufgelegt und in zig Sprachen übersetzt wurde. Wie kein anderes Buch ermunterte es mich die Journalistin tatsächlich hinter mir zu lassen und das zu verwirklichen, was ich all die Jahre insgeheim wollte: Geschichten zu erzählen, die zu lesen den Lesern Spaß bringen. Zielgruppe? Was ist das? Marketingjargon. Der gehört zur Vergangenheit. Stattdessen nach vorne schauen mit Julia Camerons Hilfe.
„Die meisten blockierten Künstler sind Kopfmenschen“, erklärt die Autorin. Ich schlage das Kapitel „Das Gefühl von Autonomie wiedergewinnen“ auf, blättere zu der Aufgabe: „Kaufen Sie sich ein besonderes Kreativitätsnotizbuch. Nummerieren Sie die Seiten von eins bis sieben durch. Ordnen Sie jeder der folgenden Kategorien eine Seite zu: Gesundheit, Besitz, Freizeit, Beziehungen, Kreativität, Beruf und Spiritualität. Schreiben Sie unter jeder Rubrik zehn Wünsche auf, ohne sich über ihre mögliche praktische Umsetzbarkeit Gedanken zu machen. Es stimmt, das ist wirklich viel. Gestatten Sie sich hier ein wenig zu träumen.“
Diese Übung mag abgehoben und esoterisch klingen. Das ist sie auch. Womit sie genau die passende Aufgabe für mich ist, um die Gedanken zu lockern für meinen Blog, um zurück auf die Spielwiese zu kommen.

„Kaum eine Vorstellung ist so unzutreffend wie die, die wir uns von der Kunst machen“, sagt Julia Cameron. Träume sind ihrer Erfahrung nach nicht das einzig Entscheidende. Ein kreatives Leben benötige auch lange Phasen der Aufmerksamkeit. Beispiele zitiert sie anhand von Auszügen aus den Briefen ihrer Großmutter: „Die Forsythien blühen, und heute Morgen habe ich das erste Rotkehlchen gesehen… Die Rosen halten sich selbst bei dieser Hitze… Mein Weihnachtskaktus macht sich bereit…“. Auf diese Weise entstehen auch die meisten Texte jenseits meines Blogs. Die Figuren suchen sich selbst ihren Weg. Ich beobachte sie, verfolge ihr Tun und ihren Weg, schreibe auf, was ich wahrnehme.
Mein blauer Lippenstift soll künftig noch stärker beide Komponenten vereinen: die in Jahrzehnten als Journalistin geübte Beobachtungsgabe und die Freiheit, Ideen zu notieren, die keinerlei Anspruch auf einen Nachrichtenwert für definierte Leserzielgruppen erheben. „Spiele mit allem, unterhalte das Kind in dir, lass die Angst fallen“, rät die Autorin Susan Ariel Rainbow Kennedy. Könnte also sein, ich befinde mich doch schon auf dem richtigen Weg.

Meine aktuelle Schreibstimmung: Ich verliere mein Ziel nicht aus den Augen.
Der Lippenstift: „Blackberry“ von Kiko      HKW_Website_ Icon Artikelende