Ich pfeife auf Bestsellerlisten

Wenn ich es mit mir nicht mehr aushalte, suche ich mir ein anderes Leben aus, in das ich ohne lange zu überlegen hineinschlüpfen kann.

„Vielleicht haben wir von allen Kindheitstagen diejenigen am intensivsten durchlebt, von denen wir glaubten, wir hätten sie nutzlos vertan: die nämlich, die wir mit der Lektüre eines Lieblingsbuches verbrachten.“ (Marcel Proust)

Mein Bücherbestand wächst ständig. Ich halte die Augen und Ohren nach Neuerscheinungen offen, reiße Literaturempfehlungen aus Magazinen und Zeitungen, höre Tipps im Radio, schaue gelegentlich Büchersendungen im Fernsehen, wenn sie nicht zur Nabelschau der teilnehmenden Kritiker verkommen sind. Bestsellerlisten misstraue ich zunehmend, sie beeindrucken mich nicht. Die Kombination aus Best-Seller und Best-Quality wie etwa bei J.K. Rowling ist eher die Ausnahme denn die Regel, während die Autobiografie jedes 3C-Promis aus Null-Anspruch-Fernsehformaten wie von Geisterhand auf den Listen zu landen scheint. Den Marketingstrategen sei Dank. Nein, Bestsellerlisten taugen nicht als Ratgeber für die Frage, was ich lesen sollte. Auch Kritikern (siehe oben) traue ich nicht. Wer qualifiziert sie, darüber zu richten, was gute, was schlechte Belletristik oder Sachbücher sind? Wer nix wird, wird Kritiker. Es ist kein Geheimnis, dass hinter diesen selbst ernannten Göttern über alles Geschriebene nicht selten erfolglose (und damit missgünstige) Autoren stecken. Ich denke dabei an einen Herrn, dem ich unterstelle, wenn er im Radio oder TV wieder einmal in seinem kaum überhörbaren schwäbischen Akzent einen Verriss abliefert, er mehr als Genuss dabei empfindet. Auffallend ist es, dass er selten deutsche Autoren lobt.

Da ich immer auf der Suche nach mir bislang unbekannten Autoren bin, folge ich Buchbesprechungen, die möglichst neutral gehalten sind, wobei natürlich kein Verfasser jemals völlig objektiv sein kann. Seine individuelle Meinung liest man zwar zwischen den Zeilen, die Objektivität sollte allerdings erkennbar sein.
Ich suche Bücher bzw. Themen, die zu mir passen, die mir in meiner aktuellen Lebenssituation Rat geben, meine Neugier auf Neues wecken oder mir einfach ein paar Stunden Spaß bereiten. Für mich bedeutet lesen abseits von Fachliteratur vor allem Freude am Abtauchen in andere Realitäten. Diese Realitäten suche ich mir nach Lust und Laune aus, ebenso wie das Genre, das mich fesselt, amüsiert, meine Fantasie anregt, romantische Gefühle weckt…
Oft sind es keine Neuerscheinungen, manchmal liegt die Erstveröffentlichung schon Jahre zurück, wie bei diesen kürzlich gelesenen Büchern:

Um ein Buch von John Katzenbach zu lesen, brauche ich Zeit. Seine Psychothriller klappe ich nämlich nicht zu, bevor ich das Ende kenne. Und das kommt beispielsweise bei Der Psychiater erst nach knapp sechshundert Seiten. Wann immer er also ein neues Werk vorlegt, bedeutet das: kaufen, auf den Stapel der noch nicht gelesenen Bücher legen und auf ein wirklich freies Wochenende warten.
Der Psychiater, John Katzenbach, Knaur Verlag

Es ist schön, altbekannte Ecken vor dem inneren Auge zu sehen, gedanklich durch Straßen zu gehen, durch die ich tatsächlich schon öfter ging oder mich an einen Besuch in einem Café zu erinnern. Lily Brett befriedigt meine manchmal aufkeimende Sehnsicht nach dieser unglaublich schnellen, lauten Metropole, in der ich Freunde fand.
Immer noch New York, Lily Brett, Suhrkamp Verlag

Wie wenig anonym Manhattan sein kann, wenn man es zulässt, erzählt Cathleen Schine. Der Lebensmittelpunkt ihrer Figuren, die verschroben, einzelgängerisch, auf der Suche nach Liebe, manchmal etwas bösartig, doch alle auf ihre Weise sympathisch sind, ist die Upper West Side Manhattans.
Eine Liebe in Manhattan, Cathleen Schine, List Verlag

Die Hoffnung, eines Tages meine Gedankenautobahn zumindest zeitweise zu einem träge verlaufenden Feldweg umzubauen, gebe ich nicht auf. Das „Meditationsprogramm für jeden Tag“, war einen Versuch wert. Da sich mein Geist allerdings als ein widerspenstiger entpuppte, werde ich demnächst erneut versuchen, die vorgeschlagenen Achtsamkeitsübungen in meinen Alltag zu integrieren.
Im Alltag Ruhe finden, Jon Kabat-Zinn, Knaur Verlag

Eine komplizierte Handlungskonstruktion, akribische Recherche, die Sprache gewohnt anspruchsvoll: Siri Hustvedts siebter Roman wird als ihr bislang bester bezeichnet. Mit teilweise bitterböser Ironie nimmt sie sich die Welt der Kunst, der Künstler, Galeristen und Sammler vor. Ihre Protagonistin Harriet Burden rechnet mit dem blasierten Kunstbetrieb ab.
Die gleissende Welt, Siri Hustvedt, Rowohlt Verlag

In ihrem Vorwort betonen die Autorinnen die Story beruhe auf purer Fiktion. Allerdings basiert The Nanny Diaries auf ihren Erfahrungen bei mehr als dreißig Familien. Die Zutaten: Ein bisschen Mary Poppins, eine exaltierte Upperclass Mommy und eine Collegeabsolventin, die sich nach einem eigenen Leben und einer Karriere sehnt, aber ihr Geld mit dem Hüten von Mommys Söhnchen verdienen muss.
The Nanny Diaries, Nicola Kraus & Emma McLaughlin, Penguin Books

Joe ist aus der Enge seiner Heimatstadt entkommen. Er schrieb einen Bestseller über die Spießer, die seine Jugendzeit prägten. Als er nach vielen Jahren Abwesenheit seinen kranken Vater besucht, holt ihn die Vergangenheit ein. Hass schlägt ihm von all denen entgegen, die sich von seinem Buch verraten fühlen.
Kleinstadthölle, Jonathan Tropper, Knaur Verlag

Meine aktuelle Schreibstimmung: Sobald das Notebook ausgeschaltet sein wird – lese ich!
Der Lippenstift: „Red Passion“ von L’Oréal      HKW_Website_ Icon Artikelende