Nachrichten-Boykott

Message an die Welt: Habe den idealen Rückzugsort gefunden. Lebe jetzt in der Villa Kunterbunt.

Weil ich die Welt nicht länger aushalten kann, tauche ich ab. Ich boykottiere die Nachrichten, will nix mehr lesen, hören oder sehen. Das mag überzogen klingen, exzentrisch, vielleicht hysterisch. Kann sein, ich oute mich als naives Weichei und dieser Post ist auf dem Niveau von Stammtischgequatsche. Sei’s drum, wo sonst als auf Mein blauer Lippenstift kann ich sagen, was in mir seit längerem gärt. Als Kind der Babyboomer-Generation gehöre ich zu den Glücklichen, die nie einen Krieg erleben mussten. Die Trennung Deutschlands, der Kalte Krieg, die Wiedervereinigung erlebte ich in Westdeutschland. Könnte man als privilegiertes Leben bezeichnen, was es wohl auch war, weit weg von Tötungen an der innerdeutschen Grenze und zumindest geografisch noch wesentlich weiter entfernt von den Krisen und Kriegen in anderen Teilen der Welt.
Umso mehr verzweifle ich heute an den täglichen Nachrichten. Dabei sind es längst nicht nur Erdogan, Putin, Assad, Kim Jong-un oder Trump, um nur das Spitzenteam der politischen Brandstifter zu nennen. Mehr denn je scheinen die geistigen Errungenschaften der Menschheit infrage gestellt. Religion avanciert selbst in aufgeklärten westlichen Gesellschaften zum Machtfaktor, wir leben in einer Hochphase für krude Verschwörungstheoretiker, die ihr Heil in der menschlichen Rückentwicklung auf das Niveau der Steinzeit sehen.

Der globale Irrsinn beginnt nicht erst vor unserer Haustür. Er ist auch in Deutschland allgegenwärtig. Hetze und Rassismus gehören zur traurigen Normalität. Ich fühle mich schon allein durch den Anblick der krötengesichtigen Frau von Storch und dem mich immer an Käse kurz vor dem Verfallsdatum erinnernden Björn Höcke beleidigt. Dass dieser braune Mob im Deutschen Bundestag sitzt, werde ich nicht verwinden. Sind tatsächlich so viele Wähler derart verblendet, sich von diesen ätzenden Rattenfängern verführen zu lassen, die ihr eigenes denn das „Wohl“ des Volkes im Sinn führen?
Wir haben zwar erst seit wenigen Wochen eine neue Bundesregierung, aber Mutti schafft es bereits kaum mehr, dem zwangsweise Heimatvertriebenen Seehofer die Stirn zu zeigen. In rekordverdächtiger Geschwindigkeit geriert sich Möchtegernkanzler Spahn als Marketingstratege in eigener Sache, der in fremden Ressorts wildert, statt seine Arbeit zu tun. Claims anstatt solider Konzepte: Ist das die moderne Art Politik zu machen, Herr Spahn?, möchte ich ihn fragen. Und die Statements von Industriebossen wie etwa Kaeser oder Diess lassen mich schlicht sprachlos zurück. In welchem selbst gezimmerten Paralleluniversum existieren diese Herren eigentlich?

Das sind nur einige der Themen, die mich beschäftigen, aufbringen und zunehmend verstören, je intensiver ich mich mit ihnen befasse. Ich höre schon die kritischen Einwände, man könne, ja man müsse sich engagieren, wenn man nicht einverstanden sei mit einer Situation. Dem stimme ich grundsätzlich zu, nehme jedoch für mich in Anspruch, mich ganz egoistisch zurückzuziehen und die täglichen Horrornews zu ignorieren. Ich nehme mir die Freiheit, Pippi Langstrumpf zu sein in meiner eigenen Villa Kunterbunt, werde mir Geschichten von mutigen Mädchen und Frauen ausdenken, die Pferde stemmen und sich von niemandem bevormunden lassen. Im Bücherregal warten verlässliche Begleiter für diese selbst gewählte Trotzphase: z.B.
Der kleine Prinz (Antoine de Saint-Exupéry, Anaconda Verlag)
Pippi in Taka-Tuka-Land (Astrid Lindgren, Oetinger Verlag)
Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch und Momo (Michael Ende, Thienemann Verlag)
In Traumwelten einzutauchen sehe ich als Form der Resilienz. Manchmal braucht es eben eine gesunde Portion Egoismus zum Selbsterhalt.

Meine aktuelle Schreibstimmung: Tief durchatmen hilft nicht mehr. Ich ziehe mich zurück.
Der Lippenstift: „Oh Honey!“ von Ciaté      HKW_Website_ Icon Artikelende