Nonkonformisten-Yoga

von Lifestyle

Wie wird aus einer schläfrigen Schildkröte eine hellwache Katze?

Seit einigen Jahren praktiziere ich Yoga. Sechsmal pro Woche gehören die Übungen gleich nach dem Aufstehen zu den nicht verhandelbaren Punkten auf der Tagesordnung. Die Frage einer Bekannten, „du bist doch so dynamisch, wie kannst du Yoga durchhalten?“ überraschte mich dermaßen, dass ich anstatt zu antworten nur irritiert schaute. Morgens bin ich nämlich so dynamisch wie eine greise Schildkröte. Maulfaul schlurfe ich durchs Haus, der erste Blick in den Badezimmerspiegel fällt milde weil mit halb geöffneten Augen aus. Tatsächlich habe ich mich schon lange nicht mehr gefragt, weshalb ich jeden Morgen brav meine Asanas ausführe.

Um es vorwegzunehmen: Mein blauer Lippenstift ist kein Gesundheits- oder Fitnessblog. Als jahrzehntelange Schreibtischarbeiterin sind mir Rückenschmerzen jedoch bestens bekannt. Und da mich eine jaulende Wirbelsäule vom Schreiben ablenkt, suchte ich einen Weg den Schmerzlevel so niedrig als möglich zu halten. Doch weder werde ich jetzt die Vor- und Nachteile der alten indischen Lehre thematisieren, noch die vielen komplexen Begriffe erklären. Ich bin eine Yogini, die eher vom Beckenrand losschwimmt statt einen Kopfsprung hinzulegen. Die entspannen möchte, aber keine Vergeistigung anstrebt. Die weit entfernt davon ist, asketisch zu leben. Die sich mit Meditation schwertut, weil ihre Gedanken selten in eine ruhige Spur zu leiten sind. Eine Turnerin unter den Yoga-Philosophen.

Die Worte der Freundin bekam ich nicht aus dem Kopf. Was genau bedeuten mir die morgendlichen dreißig Minuten auf der dünnen Matte vor geöffnetem Fenster?
Sie verschaffen mir die Möglichkeit, gemächlich auf Tour zu kommen. Langsame Bewegungsabläufe, bewusstes Ein- und wieder Ausatmen ist eine sanfte Art, meine Restschläfrigkeit zu vertreiben. Nach wenigen Minuten schaffe ich den Krieger bereits, ohne die Balance zu verlieren. Dass ich jemals biegsam sein werde wie eine Brezel, wie manche Zeitgenossen vermuten, wenn man ihnen erzählt, man praktiziere Yoga, ist aber mehr als zweifelhaft. Das steht auch überhaupt nicht oben auf der Skala dessen, was ich erreichen wollte und will. Kraft und Ausdauer, Yoga ist beides. Selbst wenn es sich vom Training im Fitnessstudio unterscheidet, in dem ich jahrelang an den Geräten schuftete. Beim Yoga bauen sich die Muskeln deutlich langsamer auf. Man braucht Geduld, um die Fortschritte zu sehen. Aber sie stellen sich ein, das kann ich bestätigen. Die Zeit auf der Matte zuhause ziehe ich inzwischen dem Sportstudio vor, unter anderem, weil es so gemütlich und lässig ist, keinen Gedanken ans Styling zu verschwenden. Meine Home Session funktioniert auch mit strubbeligen Haaren und im Loser Look. Trotz dieser Bequemlichkeit muss ich fast jeden Morgen meinen inneren Schweinehund überlisten. Die Stimme, die mir hinterlistige Ratschläge ins Ohr säuselt wie „lass es heute ausallen, einmal ist keinmal, morgen übst du ganz bestimmt wieder“. An den allermeisten Tagen widerstehe ich dem Morgenmonster, rolle meine orange Matte aus, lege los. Die Entscheidung, welche Asanas funktionieren, entscheidet sich erst beim Üben. Zwar folge ich einer festgelegten Abfolge, aber meine Gelenke und Muskeln sind nicht immer der gleichen Meinung wie mein Wille. Sperrt sich ein Gelenk oder signalisiert ein Muskel „no way“ heißt es zurück auf Anfang: Auf den Atem achten, die Bewegungen erneut probieren. Hilft gar nichts, lege ich einige Minuten Meditation ein, atme in die Muskeln, versuche es noch einmal. Die Mühe lohnt sich immer, jeden einzelnen Tag. Das ist der Grund, weshalb ich diesen Sport seit Jahren eher ausbaue, denn aufgebe, wie diverse andere Sportarten zuvor.

Yoga bleibt. Die Matte ist auf jeder Reise im Gepäck, wird auch im kleinsten Hotelzimmer ausgerollt. Schließlich habe ich mein Morgenritual mühsam erarbeitet. In Gruppenkursen, in Einzeltrainings, mittels Videoanleitung und mithilfe von Büchern. Das Angebot an Studios, CDs, DVDs und Fachliteratur ist riesig, das individuell Passende zu finden kostet Zeit. Manche Bücher sind zu ständigen Ratgebern avanciert. In ihnen suche ich Anleitung, wenn ich das Gefühl habe, ich brauche Abwechslung, ich will neue Asanas in den Ablauf einbauen.

Rat suche ich zum Beispiel bei
SchlampenYoga von Milena Moser (Heyne Verlag), wobei dieses Buch neben Interessantem rund um das Thema Yoga vor allem Unterhaltung ohne Lehrerattitüde bietet. Wie der Titel vermuten lässt, ist die Schweizer Schriftstellerin zwar eine überzeugte Yogini, die allerdings auch mal mit Augenzwinkern Theorie und Praxis etwas locker auslegt. Wenn sie etwa beschreibt, wie sie ihre Matte ausrollt, eine Freundin ins Zimmer kommt und fragt, ob sie ein Glas Wein möchte. Milena springt auf und folgt der Freundin in den Garten. Eine weitere Frau gesellt sich zu den beiden und erkundigt sich bei der Autorin, wie häufig sie Yoga übe. „Jeden Tag. Auf die eine oder andere Weise.“ Sie hebt ihr Glas: „Zum Wohl.“

Hormonyoga von Dinah Rodrigues (Schirner Verlag): Wie entscheidend es ist, in hormoneller Balance zu sein, spüren wir Frauen in den drei großen Umbruchzeiten unseres Lebens, in Pubertät, Schwangerschaft und während der Wechseljahre. Dinah konzentriert sich auf die Jahre des Wechsels, den zwar beide Geschlechter durchleben, Frauen jedoch die Symptome meist deutlicher wahrnehmen. Die Psychologin Rodrigues schafft es, mittels klar formulierter Erklärungen und einfacher Anleitungen Leserinnen jedes Erwachsenenalters anzusprechen.

Wie Yoga heilt von Tara Stiles (Knaur Verlag). Dieses Buch ist meine Soforthilfe. Als ich im letzten Winter nach langer Zeit wieder einmal unter einem heftigen Schnupfen litt, blätterte ich durch Taras Buch. Und tatsächlich, es gibt Yoga-Heilübungen bei Erkältung. Ich befolgte die Anleitung zum Feueratem, zur Wechselnden Nasenlochatmung und zum Drehsitz. Den Kopfstand ließ ich aus. Wie gesagt, ich bin eine Beckenrandschwimmer-Yogini. Zwei Tage später ging es mir wesentlich besser. Was ich angesichts meines zuvor so miesen Zustands erstaunlich fand. Und es prompt als Zeichen verbuchte, dass die Asanas den entscheidenden gesundheitlichen Aufschwung herbeigeführt haben mussten. Zusammen mit diversen Bechern Tee, der Wärmeflasche auf dem Bauch(!), vielen Schmökerstunden auf dem Sofa mit Kissen im Rücken und in eine Kuscheldecke gewickelt. Mein persönliches SchlampenYoga funktioniert ganz offensichtlich.

Wie bei jeder Sportart (Yoga ist Sport, allen Unkenrufen zum Trotz!) sollte man sich mehr oder weniger regelmäßig von einem Trainer anleiten lassen. Selbst bei größter Konzentration schleifen sich kleine Nachlässigkeiten ein, falsche Körperhaltungen, Fehler beim Atmen. Außerdem macht es Spaß, nach langen Monaten alleine gemeinsam mit einer Gruppe zu üben. Dann genieße ich ein paar Wochen die Atmosphäre in meinem Lieblingsstudio in Berlin. Danach fühle ich mich gewappnet, zu Hause die Asanas korrekt zu absolvieren. Von der trödeligen Schildkröte zur geschmeidigen Katze.

Meine aktuelle Schreibstimmung: Zu lange am Laptop gesessen. Rücken schmerzt. Auf den Boden. In die Kindstellung. Danke, Yoga.
Der Lippenstift: „Sweety You“ von Douglas Collection      HKW_Website_ Icon Artikelende

Last modified: 9. November 2017

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