Casting-Gedränge

von Schreiben

Wer wird die Hauptfigur in meiner nächsten Geschichte sein? Die Schlange der Bewerber ist ziemlich lang.

Es gibt nicht die eine Möglichkeit, eine Geschichte zu beginnen. Manche Autoren kennen von Anfang an zumindest den groben Inhalt. Oder sie haben die Ausgangsszene im Kopf und ersinnen dann die Haupt- und Nebendarsteller. Bei anderen dreht sich die Handlung zunächst ausschließlich um den Protagonisten, dem im Verlauf weitere Charaktere zur Seite gestellt werden.
In meinen Gedanken findet ein permanentes Vorsprechen, quasi ein Nonstop-Casting statt. Da ich sowieso ein Faible dafür habe, allem und jedem einen Namen zu geben, vom Plüschtier für meine Kinder bis zum Titel von Fachveranstaltungen, die ich im Laufe meiner Berufsjahre erdachte, nimmt heute nicht selten die Idee für eine Story ihren Anfang, wenn mir wieder mal ein Name einfällt. Die Entscheidung, ob es sich um Mann oder Frau oder ein Tier handelt, sagt mir der Name.

Finde ich einen Namen interessant, wie geht es weiter mit dieser Figur? Entweder sucht sie ihren Weg zu einer Gruppe oder entschließt sich alleine durch die Geschichte zu wandern. Manchmal halten auch die schon vorhandenen Charaktere Ausschau nach einem Mitspieler, Partner, Widersacher oder einer Randfigur in Wartestellung, die möglicherweise später weiter ins Geschehen eingebunden oder für immer der Kleindarsteller mit nur einer Szene bleiben wird.
Während der letzten Monate erhielt ich „Besuch“ von den unterschiedlichsten Typen, die alle für eine Rolle, nein, was sage ich, für den Part des Protagonisten vorsprachen. Es herrscht großer Andrang bei diesen Castings.
Ganz nach vorne schieben sich

Rosetta-Amalia, Putzfrau, Dichterin und Salondame, die ihre Heimat Italien vor fast dreißig Jahren verließ, um der Bevormundung durch ihre Familie zu entkommen, die für ihren Lebensstil wenig Verständnis aufbringt.

Georgina, die keine typische Alt-68erin ist, obwohl sie zu dieser Generation gehört. Sie lebt ihre selbst definierte Emanzipation nach dem Motto „Nix gegen Männer, aber die haben mir nicht vorzuschreiben, wo’s langgeht“. Ihren Fast-Ex (sie verschieben die Scheidung seit fünfzehn Jahren immer wieder) findet sie wesentlich attraktiver, wenn er unter seinem statt unter ihrem Dach lebt.

Helge, der blonde Bübchentyp, der als Architekt arbeitet und mit Silke, einer zickigen Bankerin, eine unerfreuliche Fernbeziehung führt. Wie lange diese Situation noch anhalten wird, weiß der Himmel. Vielleicht lernt Helge endlich eine sympathische Frau kennen?

Frau Huong, eine zierliche Vietnamesin, hält nichts von „fernöstlichem Meditationsscheiß“. Sie ist furchtbar neugierig und sagt ihre Meinung, auch wenn die unbequem ist und sie keiner hören mag. Außerdem hasst sie die U-Bahn. Da sie kein Auto besitzt, genau genommen auch keinen Führerschein, geht sie zu Fuß, egal wie lange die Strecke ist.

Kenny, die eigentlich Coralie heißt, ihren Namen jedoch nicht leiden kann. Deshalb benannte sie sich nach einer Figur aus der US-Serie „South Park“.

Lo und Bille, zwei Exhippies. Sie fühlen sich als Künstlerpaar und benehmen sich entsprechend exzentrisch. Das kommt bei ihren diversen Aushilfsjobs, mit denen sie sich über Wasser halten, selten gut an.

Cassandra und Wendy, ein homosexuelles Paar, die mit ihren Söhnen Jonathan und Gregor in einem Gründerzeithaus im Frankfurter Westend leben.

Sam Quentin, der sich jede Mühe gibt, seinen Patienten zu helfen, selbst wenn die in einer Parallelwelt leben.

Clausi Mausi, wie seine Mieterinnen insgeheim den bauernschlauen aber harmlosen Hauseigentümer nennen.

Greta, Carla, Konrad und Pitt, die bereits einmal auf Mein blauer Lippenstift auftauchten.

Sandra, Constanze und Holly, eine Studentinnen-WG. Holly bedeutet Stechpalme, was der sportlichen Irin aber gar nicht gerecht wird. Sandra braucht wohl noch ein paar Semester, um aus der Rolle der braven Tochter mit besten Zeugnissen rauszuwachsen. Constanze ist da schon deutlich weiter. Party statt lernen, so ihre Devise. Ob sie in diesem Semester ihre Scheine schaffen wird?

Herr Bollwitzer, der meist hinter seinem Frauchen herhecheln muss. Der in die Jahre gekommene Settermischling kennt aber allerhand Tricks, wie man sich vor allzu langen Spaziergängen drückt. Denn während seiner Abwesenheit wird sich mit Sicherheit wieder diese blöde Nachbarskatze Icky in seinem Garten herumtreiben.

Gwen die Finanzbeamtin, die zahlungsunwillige Klienten schon mal mittels ihrer Geheimwaffe zur Strecke bringt. Einen kurzen Fallbericht gab es schon auf Mein blauer Lippenstift.

Sollten gleich mehrere Charaktere bei der Audition ausgewählt werden, wäre beispielsweise Herr Bollwitzer ein schlechter Gefährte für die Weitläuferin Frau Huong. Er könnte aber der ideale Begleiter für Bille sein, die bunte Hippielady, die auch höchstens bis zur Eckkneipe gehen mag. Lo wäre ein geeigneter Wirt für besagte Eckkneipe, die sowieso gerade ohne Pächter ist und Lo endlich in die Lage versetzte, sein eigener Chef zu sein, anstatt sich als in die Jahre gekommener Hippie belächeln zu lassen. Die Studentinnen-WG könnte im selben Haus wohnen wie Wendy und Cassandra. Gut möglich, die angepasste Sandra würde einen prima Babysitter für die beiden Jungen abgeben. Wobei die die Bezeichnung „Baby“ empört von sich weisen würden. Apropos Jungen: Jonathan wünscht sich schon lange eine Katze. Wie wäre es mit Icky? Und bei Sam Quentin könnte Helge einen Termin vereinbaren. Zicken-Silke treibt ihn nämlich allmählich in den Wahnsinn. Bevor er ihr also eines Tages an den Kragen geht …

Das sind nur die ersten Aspiranten in der Reihe, die auf ihren Castingauftritt warten und sich als Figur in einer Erzählung, in einer Kurzgeschichte, am allerliebsten jedoch in einem Roman wiederfinden möchten. Was aus ihnen wird, ist ungewiss. Doch ich verspreche jedem und jeder Einzelnen eine Chance. Ich werde darüber nachdenken, wohin sie gehören. Ob sie die Hauptrolle in einem Einpersonenstück erhalten, mit anderen zusammentreffen werden oder ob sie überhaupt mitspielen dürfen in einem der nächsten Texte. Kommt ganz darauf an, wer sich bis dahin noch in meine Fantasie schieben wird.

Meine aktuelle Schreibstimmung: Es ist spannend, wenn Namen Gestalt annehmen und sich den Weg in eine Geschichte bahnen.
Der Lippenstift: „Mrs. Mia Wallace“ von Urban Decay      HKW_Website_ Icon Artikelende

Last modified: 10. August 2017

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