Die Lüge

von Bücher

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Meg Wolitzer: Die Ehefrau

Joe Castleman ist ein gefeierter Schriftsteller. Mit seinem ersten Roman landete er einen Bestseller, mit jedem weiteren Buch stieg er höher im internationalen Literatenhimmel und wurde mit Auszeichnungen wie etwa dem Pulitzer-Preis überhäuft. Auch wenn sein Talent nicht für den Nobelpreis reicht, ist er doch überglücklich, nach jahrelangem Warten endlich den hoch dotierten Helsinki-Preis für sein Lebenswerk zu erhalten. Gemeinsam mit seiner Frau Joan reist er in die finnische Hauptstadt.

Joan ist seit vierzig Jahren an seiner Seite. Sie ist seine zweite Ehefrau, seine erste Frau und seine Tochter verließ Joe für Joan, seine Studentin. Die Geschichte der beiden beginnt wie ein Hollywoodklassiker: Er ist Literaturprofessor am Smith College, sie besucht sein Seminar zusammen mit anderen literaturhungrigen Erstsemesterstudentinnen des Elite-Frauencollege, die allesamt dem schwarzlockigen Lehrer verfallen sind.
Professor Castleman fühlt sich als Schriftsteller. Allerdings will ihn niemand publizieren, was ihn dazu veranlasst, den Job am College anzunehmen. Lediglich zwei veröffentlichte Kurzgeschichten hat er vorzuweisen, und auch die wurden nur von einer kaum beachteten kleinen Literaturzeitschrift abgedruckt. „Sonntags keine Milch“ ist eine dieser von völliger Talentlosigkeit zeugenden Erzählungen, die er Joan zu lesen gibt, sobald sie ein heimliches Liebespaar sind. Ihre literarische Begabung fasziniert ihn, zieht ihn an, macht sie zu seiner auserwählten Gespielin, wohl wissend, dass er auch alle anderen haben könnte. Doch es ist Joan, die ihn interessiert und die natürlich allzu gern diesen begehrten Fisch in ihr Netz zieht. Was passiert, ist vorherzusehen: Mrs Castleman kommt ihrem untreuen Ehemann auf die Schliche, verlässt ihn mitsamt der kleinen Tochter, der Skandal kostet ihn den Posten am College. Es bleibt die Flucht in die Stadt, Joan wirft ihr Studium hin und zieht mit ihm in ein heruntergekommenes Motel in New York. Er wandert ziellos durch die Straßen, schreibt Kurzgeschichten, die weiterhin kein Verlag kauft. Schließlich entscheidet Joe, ein Schriftsteller müsse einen Roman verfassen, nur damit könne der ersehnte Durchbruch gelingen. Joe schreibt diesen Roman, „Die Walnuss“ und gibt ihn Joan zum Lesen. Gestelzt, leer, die Charaktere unnahbar, die Story konstruiert. Joan liest die Seiten mit dem gleichen Entsetzen, das sie bereits während der Lektüre von „Sonntags keine Milch“ empfunden hatte.

Dies alles erfährt der Leser in Rückblenden. Inzwischen sind mehr als vierzig Jahre vergangen. Der nach wie vor nicht unattraktive Autor ist gealtert, seine Gesundheit ist angeschlagen. Ein Mann mit Bauch und leicht schlampig wirkendem Äußeren, das er bewusst zur Schau trägt, ganz der eitle Bonvivant, als der er sich selbst begreift. Er lebt nur eine wirkliche Beziehung: die Beziehung zu sich selbst. Weder Joan, die ihn rund um die Welt begleitet, noch die drei gemeinsamen Kinder, die Töchter noch den Sohn lässt der Narziss an sich heran. „Die Walnuss“ wurde ein Erfolg, dem zahlreiche weitere folgten. Joe Castleman verinnerlichte den Schriftsteller von Rang, wurde „einer der Männer, denen die Welt gehört“, wie Joan es ausdrückt. Sie arrangierte ihr Leben neben ihm – treffender wäre allerdings die Formulierung: Sie gab ihr Leben für den großen Literatenstar auf. Stets ist sie an seiner Seite, die Kinder, auch das erfährt man in einer Rückblende, werden aus dem Arbeitszimmer ausgesperrt, wo der Vater seine Muse um sich wissen will.

Doch Joan ist seinen Allüren schon lange überdrüssig. Sie hat seine nie endende Jagd nach Frauen – jungen Autorinnen, Groupies, Kolleginnen, Huren – seine von ihr geduldeten Affären satt. Sie wird ihn verlassen, sobald sie nach der Preisverleihung in ihr Haus in upstate New York zurückgekehrt sein werden. Die Kinder sind längst erwachsen, leben ihr eigenes Leben. Es ist an der Zeit, sich von dem ewigen Kind Joe Castleman zu trennen und ihren Weg zu finden. Ein großer Schritt für eine Frau jenseits der sechzig, aber Joan will frei sein, will schauen, wohin sie ein Leben alleine noch führen wird. In der Nacht nach der Verleihung des Helsinki-Preises erklärt sie Joe, dass sie sich von ihm trennen wird. Er ist erstaunt, ärgerlich, verhöhnt sie – und stirbt einen ebenso unerwarteten wie schnellen Tod.

Die Ehefrau, Meg Wolitzer, DuMont Buchverlag

 

Nach der Lektüre

Meg Wolitzer ist eine Meisterin im Einfangen der offensichtlichen wie der subtilen Momente zwischenmenschlicher Beziehungen. Obgleich eine fiktive Geschichte, finden sich in Die Ehefrau zahlreiche Momente, die mich innehalten ließen, die keineswegs erfunden scheinen, sondern von der Beobachtungsgabe der Autorin zeugen.

Joan empfindet auch nach Jahrzehnten eine Scham, schließlich nahm sie Frau und Baby den Mann und Vater. Sie trauert der Zeit nach, in der sie ihre eigenen Kinder bei Kindermädchen zurückließ, um das „große Kind Joe“ zu Lesereisen, in Schreibcamps oder zu öffentlichen Auftritten zu begleiten. Die einst junge und ausgesprochen talentierte Autorin hat sie hinter sich gelassen oder, besser ausgedrückt, tief in ihrem Inneren vergraben. Darauf angesprochen, verneint sie Begabung und Ambitionen, macht sich bewusst klein neben dem herausragenden Schriftstellergemahl.
Die bedeutungsvollste Komponente dieser Ehe ahnt der Leser zwar immer wieder im Verlauf der Geschichte, die Auflösung am Ende gab mir dennoch reichlich Stoff zum Nachdenken: Joe Castleman schrieb kein einziges seiner Bücher. Die wahre Bestsellerautorin und vielfach Geehrte ist Joan, was jedoch ein Geheimnis der beiden bleiben wird.
Diese Fiktion in Meg Wolitzers Roman findet in der Historie von Künstlerpaaren bekanntermaßen reale Beispiele.

 

 

 

Last modified: 10. November 2016

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