Junkie forever

von Beauty

Von diesem Stoff komme ich niemals los.

Um an einem Autorencamp teilzunehmen, reiste ich nach Santa Fe, in die Hauptstadt New Mexicos, zweitausend Meter hoch im Sangre de Cristo-Gebirge gelegen. Der Campus des Karmeliterklosters an einem idyllischen Hang lag zwar nur wenige Autominuten, jedoch gefühlte Lichtjahre von der Stadt unten im Tal entfernt. Für unsere Gruppe aus mehr oder minder erfahrenen, aber höchst ambitionierten Creative Writers, hätte der Ort nicht abgeschiedener sein können. Während der Tage im Camp drehte sich nahezu jedes Gespräch um ein Thema: das Schreiben. So wollten es wir Teilnehmer, so fühlte es sich „richtig“ an.
Um fünf Uhr morgens schlug die Glocke des Convents nebenan drei mal drei Schläge. Ich vermute, es handelte sich um die Zeichen für die Karmeliterinnen, zu erwachen, das Bett zu verlassen und zum ersten Gebet des Tages niederzuknien. Wir Schreiberlinge hatten keinen Kontakt zu den Ordensschwestern; wir wohnten und arbeiteten im angrenzenden und durch eine Mauer vom Klostergarten getrennten Retreat Center. Es waren wunderbare Tage, die wir in hoher Konzentration (und in einer ebenso unerwartet wunderbaren Gruppe von Autoren!) erlebten. Kreatives Schreiben, Gespräche und – auch das – Momente der Selbsterkenntnis bestimmten den Tagesplan.

Und dann, scheinbar plötzlich, auf jeden Fall zu früh, waren die Tage im Camp vorüber und ebenso rasch ging auch meine Zeit, die ich danach noch in New Mexico geblieben war, vorbei. Ich machte mich auf die Reise zurück in meine Berliner Welt. Beim Zwischenstopp auf dem Flughafen Dallas/Fort Worth hatte sich offensichtlich meine innere Antenne bereits neu ausgerichtet. Neben dem Schreiben hege ich weitere Leidenschaften, zu denen, ich gab es an anderen Stellen auf Mein blauer Lippenstift bereits zu, Lippenstifte zählen. Wie sonst ist es zu erklären, dass ich, während ich auf den Anschlussflug wartete, wie von Geisterhand geführt im Duty Free Shop landete? Dort stand ich – ich nutze das Bild der Geisterhand nicht erneut – dort stand ich also vor dem Lipstick Display Counter. Da noch genügend bare Dollars in meiner Tasche steckten, musste ich noch nicht einmal meine Kreditkarte bemühen. Die Scheine zog ich aus der Tasche, schlenderte kurze Zeit später mit meiner eben erlegten Beute zur Kasse, bezahlte und nahm einen Lippenstift in Empfang.
Heute Abend bin ich zu einer Vernissage eingeladen. Keine Ahnung, was ich anziehen werde. Auf jeden Fall lege ich meinen Lippenstift aus Dallas auf: „Red Ego“ von Estée Lauder.

Last modified: 23. November 2019

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