Kerzen, Flöten, Zuckerguss

von Lifestyle

Ein Geständnis: Sobald der Advent naht, verwandle ich mich.

Optisch verwandle ich mich nicht, obwohl es vielleicht einen Versuch wert wäre, meinen Lederjacken Look gegen ein Samtkleid mit Schleife zu tauschen. Nein, soweit wird es nie kommen. Meine Verwandlung geschieht tief in meinem Inneren. Ende November, wenn der Blick aus dem Fenster um vier Uhr nachmittags bereits ins Schwarze fällt, erwacht mein Advents-Ich, das mir signalisiert, es sei jetzt an der Zeit für Kerzen drinnen und für Lichterketten draußen. Keine zwanzigtausend Birnen im Garten verteilt, die die Nachbarn erblinden lassen, sondern nur eine kleine leuchtende Kugel (unser Buchsbaum) neben der Haustür und ein Minibäumchen auf der Terrasse, überzogen mit warmem Lichtern, das ich sehen kann, wenn ich an meinem Schreibplatz sitze.

Meine Adventsstimmung ist nicht religiös motiviert, wenngleich religiöse Menschen die Wochen des Wartens auf Christi Geburt natürlich als die Zeit begreifen, während der man Lichter anzündet, sich besinnt und um seine Mitmenschen kümmert. Dazu muss man allerdings kaum bis zum Dezember warten; das Jahr zählt zwölf Monate. Mein Stimmungswandel ist vielmehr der Winterzeit auf unserer Erdhalbkugel geschuldet, die mich wie viele andere Menschen emotionaler, milder stimmt. Experten können dieses Symptom sicher erklären, ich begnüge mich mit der Erkenntnis, dass ich eine Phase mit geradezu anfallartiger Romantikstimmung erlebe.
Den ewig gleichen Tipps der Frauenmagazine, sich und anderen etwas (oder gerne auch etwas mehr) Luxus zu gönnen, kann ich aber wenig abgewinnen. Diese Ratschläge langweilen mich. Dem Kaufstress vor Weihnachten, nein, eigentlich jedem Stress, also backen, Haus schmücken, putzen etc., etc. entziehe ich mich lustvoll, seit meine Kinder erwachsen sind. Was bedeutet ich schmücke, auch wenn die Wohnung den Superhausfraucheck nicht mal ansatzweise bestehen würde. Ich kaufe Kekse und verbringe die Zeit lieber im Lesesessel. Geschenke gibt es weiterhin, klar. Aber nur kleine Nettigkeiten, die ich besorge, ohne vorher eine Lücke im Terminkalender freizuschaufeln, um mich ins Gedränge zu stürzen, wie ich es viele Jahre tat.

Die vier Wochen bis zum Weihnachtsfest stehen für mich auch dieses Jahr wieder unter dem Motto „Ich nehme mir die Freiheit“, wobei Freiheit in diesem Kontext heißt

Kerzenschein begleitet mich nahezu rund um die Uhr: beim Frühstück, am Schreibtisch, während ich lese, wenn ich Musik höre und natürlich beim Abendessen.

Weshalb noch warten? Ich krame bereits vier Wochen vor Heiligabend in der Weihnachtskiste im Keller. Fülle Glasvasen mit roten und goldenen Perlenschnüren. Finde die unterschiedlichsten Kerzenständer, die mir meine Kinder viele Jahre lang zu jedem Weihnachtsfest schenkten. Ab sofort gibt es keinen kerzenfreien Tisch mehr im Haus. Kitschig? Na und wenn schon…

Okay, das hört sich nach sehr betagtem Fräulein an, doch egal: Im Advent trinke ich manchmal ein Gläschen Kirschlikör, weil er meiner Meinung nach mehr nach Weihnachten schmeckt als jeder Punsch. Ach ja, der Vollständigkeit halber das volle Geständnis: Ich nippe nachmittags am Likör. Bis zum Abend zu warten passt nicht zu meinem Motto, siehe oben.

Das Kind in mir lauscht Musikstücken, die ich sonst eher selten höre. Zum Beispiel Klassiker wie Der Nussknacker von Peter Tschaikowsky (Warner Classics). Einen unvergesslichen Luxus habe ich mir vor ein paar Jahren gegönnt, auf den mich übrigens ebenfalls keine Frauenzeitschrift aufmerksam machen musste. Während einer Geschäftsreise sah ich im Lincoln Center The Nutcracker in einer Aufführung des New York City Ballet.
Die Amerikaner mögen zwar den Champagner in der Pause aus Plastikflöten trinken. Doch nicht nur die Tänzerinnen und Tänzer, sondern auch das Bühnenbild und die Kostüme waren märchenhaft im romantischsten Sinne. Eine solche Aufführung erlebte ich auf deutschen Theaterbühnen bislang nie. Ihnen fehlt offenbar der Mut zum Märchen, die Angst, als zu wenig ernsthaft bezeichnet zu werden, ist groß.

Im Advent bedeutet stöbern im Bücherregal Bewährtes hervorzuholen. Wie oft muss man ein Buch zur immer gleichen Zeit gelesen haben, um es zur Traditionslektüre zu ernennen? Zu meiner unverzichtbaren Advents-Lektüreliste zählen die folgenden drei Bücher:

Luther Krank will Weihnachten boykottieren und stattdessen mit seiner Frau Nora in die Karibik reisen. Was Luther nicht ahnt: Die Nachbarn sind alles andere als erfreut über den Versuch der Kranks, aus den traditionellen Ritualen der Nachbargemeinschaft auszuscheren. Das Fest von John Grisham (Heyne Verlag) zeigt auf amüsante Weise, wie schwierig es ist, dem Gruppenzwang zu entkommen.

Wer Märchen für Erwachsene mag, wird Der Weihnachtsladen (Ray Sipherd, Heyne Verlag) lieben. In einem Kaufhaus im Manhattan des letzten Jahrhunderts ereignen sich zwölf wundersame Geschichten, die sich um die Themen drehen, die romantische Gemüter während der Vorweihnachtszeit besonders ansprechen: Liebe, Träume, Freunde und Hilfsbereitschaft.

Weniger märchenhaft verläuft die Reise von Tom Langdon. Aufgrund eines kleinen Zwischenfalls beim Security Check am Flughafen muss der Journalist an Weihnachten mit dem Zug von Washington nach Los Angeles reisen. Die Fahrt quer durch das Land entwickelt sich unerwartet zum Abenteuer, aber auch zur Introspektion. (The Christmas Train, David Baldacci, Pan Verlag)

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In diesen Wochen denke ich häufiger an Menschen, die mir im Laufe des Lebens „verloren“ gingen. Die nicht verstorben sind, zu denen der Kontakt einfach eingeschlafen ist, die ich aus den Augen verloren habe. Manche vermisse ich sehr. Also versuche ich ihre aktuelle Adresse herauszufinden und schreibe ihnen, völlig altmodisch, eine Karte oder einen langen, erklärenden Brief. Was könnte für eine Schreiberin näherliegen als auf diese ihre ganz eigene Weise Menschen zurück in ihr Leben einzuladen?

 

 

Meine aktuelle Schreibstimmung: Kurz vor 16 Uhr. Draußen ist es fast dunkel. Gleich werden die Lichter am Bäumchen vor dem Fenster strahlen. Schöööön!
Der Lippenstift: „Velvet Teddy“ von Mac      HKW_Website_ Icon Artikelende

Last modified: 30. November 2017

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