Schreibzeiträuber

von Schreiben

Stadtleben, Landleben. Big City oder Wiesenlandschaft. In unregelmäßigen Abständen pendle ich zwischen diesen beiden Welten, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Nach Monaten „auf dem Land“ bin ich seit knapp drei Wochen wieder zurück in der Stadt.

Berlin. Hauptstadt, Multi-Kulti-Mix, Kreative, Nörgler, relaxte und weniger relaxte Ureinwohner, mehr oder weniger nervige Zugereiste (und ich spreche jetzt nicht von den Prenzlauerberg Muttis!). Touristen sowieso überall, Filmcrews, die tagelang die Parkplätze vorm Haus blockieren, wofür man aber schon mal mit dem exklusiven Blick auf prominente Schauspieler belohnt wird. Die sitzen im Café lässig bei Espresso und Streuselkuchen neben dir, kaufen im Kiez-Supermarkt ein, stehen geduldig hinter dir in der Schlange vor der Kasse. Für dieses entspannte Miteinander liebe ich diese Stadt. Ich bin seit vielen Jahren Teilzeitberlinerin, liebe mein Zweitdomizil, wobei diese Bezeichnung mein bescheidenes Apartment unbescheiden aufwertet.

Das Stadtleben sei nervenaufreibend, sagt man. Es regt an und auf, es ist keine Sekunde langweilig, wenn man sich ihm überlässt, wenn man aus dem Haus geht, in die Stadt eintaucht. Dafür lebt man schließlich in einer Metropole, um sich anregen zu lassen, Menschen um sich zu fühlen, mit dem manchmal irrsinnig schnellen Strom einer City mit rund vier Millionen Einwohnern zu schwimmen.
Nach langen Wochen bin ich also wieder hier. Ich kam nicht mehr recht voran mit dem Schreiben, hatte mich in der Idylle der ländlichen Umgebung in einem Kokon aus Lärm dämmender Watte verwoben. Doch mit der Ruhe sollte nun Schluss sein. Ich wollte raus. Nach Berlin. Zum Schreiben.

Mit diesem festen Vorsatz kam ich vor ein paar Wochen an. Papier und gespitzte Bleistifte lagen parat (genau genommen stand das Notebook auf dem Tisch). Ich war bereit. Und dann passierte: gar nix.
Was absolut wörtlich zu verstehen ist: überhaupt nichts, null. Leere im Kopf. Ideen Fehlanzeige. Meine Fantasie hatte sich verabschiedet. War sie etwa auf dem Land zurückgeblieben? Wollte sie, dass ich lieber über Fliederbäume, Sperlinge, Wiesen im Frühling und Wolkenschäfchen am Himmel schrieb? Keine Ahnung. Ich will das nämlich auf gar keinen Fall.
Stattdessen bin ich entschlossen, den Gründen auf die Spur zu kommen, die mich am Schreiben hindern. Meine Schreizeiträuber zu entlarven. Die da sind:

Kaum ist das Auto ausgepackt, das Bett frisch bezogen, die Creme ins Bad gestellt, setze ich mich nicht etwa an den Schreibtisch und überlege eine erste Geschichte. Ich gehe erst mal an die Ecke zum Griechen, das Wiedersehen mit Zaziki und Landwein feiern. Der Abend wird natürlich zu lang, um danach noch mit der Arbeit zu beginnen. Morgen werde ich dafür total ausgeschlafen ans Werk gehen.

Am Morgen weckt mich die Sonne. Hurra, ein gutes Zeichen. Das schöne Wetter hat sich extra aufgespart für die Zeit, wenn ich in der Stadt sein werde. Das bedeutet: Yoga, dann in die Kleider und raus aus der Wohnung. Auf vertrauten Straßen entlanggehen, in vertraute Cafés einkehren. Wollte ich nicht noch etwas erledigen? Verlegenes Lächeln. Stimmt, ich wollte schreiben.

Zurück in der Miniwohnung, zeigen mir die einfallenden Sonnenstrahlen, dass sie nach so langer Zeit der Abwesenheit eine Putzsession vertragen könnte. Was mich zwar Stunden kosten wird, ist aber nach getaner Arbeit ein gutes Gefühl. Allein: ich habe noch immer keine Zeile, was sage ich, noch kein Wort geschrieben.

Das wird sich ab sofort ändern. Schließlich bin ich nicht zum Vergnügen hier. Mit einem Becher Kaffee gewappnet wird das schon. Kaffee? In der Dose finde ich lediglich Restkrümel. Mensch, ich habe noch nicht eingekauft, ich Esel! Wie konnte ich das vergessen? Tasche schnappen, raus zum Supermarkt. Und zum Bäcker, um meine Lieblingsplunder zu kaufen. Und zum Blumenladen. Ein paar frische Schnittblumen bringen Freude ins Haus. Zum Schluss noch blitzschnell in die Drogerie reinhüpfen. Meine Nachtcreme könnte in Kürze aufgebraucht sein. Dann aber sofort nach Hause zurück. Huch, hat lange gedauert. Ist schon Nachmittag. Die Zeit fliegt offenbar.

Einkäufe verstauen, Blumen in der Vase arrangieren, Kaffee aufsetzen, Plunder auf einen Teller, irgendwo hatte ich doch Servietten. Wer mag schon klebrige Laptoptasten …

Endlich sitze ich vor dem Bildschirm. Es kann losgehen, alles ist erledigt. Da summt mein Mobiltelefon. Eine SMS. Von meiner Freundin. „Biste schon da?“, lese ich. „Heute Abend bei Vittorio? Gegen acht?“ Meine Finger lassen sich nicht vom Kopf zurückhalten. Schnell tippen sie: „Klar, acht passt prima. Ich freue mich! Bis später.“

Der typische Berliner Shabby Style bedeutet nicht, dass man sich lässig in die nächste Jeans klemmt und losgeht. Ich überlege, was ich anziehen soll. Vittorio ist keine angesagte Location. Mehr der Italiener für die Leute im Kiez, für die Pizza nach Feierabend, den halben Liter Roten zum Runterkommen. Trotzdem geht man nicht im schlampigen Loserlook hin. Was ziehe ich an? Erst mal duschen, dann sehen wir weiter. Ich fahre das Notebook wieder runter.

Die Stadt ist (m)ein Schreibzeiträuber. Solange ich es ihr gestatte, meine Zeit zu stehlen. Mich vom Schreiben abzuhalten. Sich in den Vordergrund zu schieben, mit ihren Ablenkungen zu verlocken. Sie ist das Gegenteil des Landlebens. Laut, schrill, fordernd, anstrengend. Als Pendlerin zwischen Stadt und Land weiß ich, es wird nicht lange dauern, dann bin ich tatsächlich angekommen. Ich stehe zur vernünftigen Zeit auf, schreibe, gehe auf einen Espresso nach draußen, schreibe weiter, treffe abends Freunde, gehe ins Theater oder den Jazz Club. Doch ich schreibe jeden Tag. Die Stadt liefert die Ideen.
Und in ein paar Wochen, zurück auf dem Land, brauche ich wieder Zeit, mich anzupassen. Das Landleben wird mein Schreibzeiträuber sein. Die morgendlichen Streitereien der Sperlinge im Garten werden mich amüsieren und ablenken. In den ersten Tagen werde ich aufgrund der ungewohnten Stille entspannt eindösen, anstatt zu schreiben. Für einige Tage lasse ich mir auch dort die Zeit stehlen. Bis ich tatsächlich angekommen bin. Dann koche ich mir einen Kaffee, setze mich an den Schreibtisch und fange an zu arbeiten.

 

Meine aktuelle Schreibstimmung: Konzentration, bitte!
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Last modified: 4. Mai 2017

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