Trennungsangst

von Bücher

Bücher aus der Bibliothek muss man nach Ablauf der Ausleihfrist wieder zurückbringen. Ein Buch, das man sich aber gekauft und gelesen hat, wegzugeben und zu verschenken, ist für einen Book Junkie schlicht undenkbar.

In Berlin wohne ich in einem der vielen wunderschönen Jahrhundertwendehäuser, die ihre beste Zeit längst hinter sich haben. Große Räume, hohe Decken, Fenster, die nicht wirklich dicht sind, elektrische Leitungen, die man besser nicht überlastet, wenn man die Sicherung nicht ständig wieder reinschrauben will. In den rund fünfzig Wohnungen leben diverse Generationen, Nationalitäten und Kulturen fröhlich zusammen in dem Bewusstsein, in einer der derzeit angesagtesten Städte der Welt zu sein.
Könnten die Haustür, das Entrée, die breite, geschwungene Treppe sprechen, würden sie im Chor rufen: „Gib uns unseren alten Glanz, unsere einstige herrschaftliche Eleganz zurück.“ Sie würden fordern, dass die tannengrüne Haustür frisch lackiert, der Marmor der Eingangshalle poliert, die Stuckornamente geweißelt, der Spiegel über dem Kamin von seinen blinden Flecken befreit und der Kamin instand gesetzt werden. Ach ja, und auf den Kaminsimsen sind bitte endlich wieder kostbare Vasen mit Blumen (weiße Lilien sollten es aber mindestens sein!) aufzustellen.

„Liebes Haus“, möchte ich antworten. „Alle deine Wünsche sind absolut berechtigt. Doch: Die Jahrhundertwende, aus der du stammst, ist leider schon mehr als ein weiteres Jahrhundert vorüber. Die Rückkehr deiner hochherrschaftlichen Vergangenheit ist damit ausgeschlossen. Wir leben nicht mehr um 1904, sondern schreiben inzwischen das Jahr 2017. In dir wohnen moderne Menschen aus aller Welt, Kinder und Erwachsene, mit und ohne Hund. Deine Bewohner schieben ihre Fahrräder durch das Entrée in den Hof, vorbei an dem noch immer stattlichen Marmorkamin mit dem noch immer noblen, riesigen gerahmten Spiegel darüber. Die Treppe hoch schreiten schon lange keine Damen mit Hütchen und in langen raschelnden Kleidern mehr. Stattdessen nehmen Typen in Sportdress zwei Stufen auf einmal und verfallen in Jogginggeschwindigkeit, sobald sie durch die Tür, deine einst so wunderschöne und nun von dir beweinte grüne Haustür sind. Natürlich hast du völlig recht: Du musst dringend generalüberholt werden. Und zwar, ohne dich danach der Gentrifizierung zu überlassen, wie es in Berlin ganze Straßenzüge erwischt. Dein alter Charme ist ja nicht weg, er scheint überall durch. Etwas Kosmetik da, ein paar neue Leitungen dort (wir modernen Bewohner benutzen etwas, was man „Internet“ nennt. Doch dazu ein anderes Mal mehr.) und du bist wieder das Juwel, das du einmal warst.“

Was ich dem Haus nicht mitteilen würde, ist ein faszinierendes Phänomen in eben dieser einst edlen, großzügig bemessenen Eingangshalle aus Marmor. Auf dem Kaminsims stehen nämlich keine Blumenvasen, die gehören schon lange der Vergangenheit an. Heute liegen auf dem Sims Bücher. Die Hausbewohner legen dort gebundene und Taschenausgaben Belletristik und Sachbücher ab, Krimis, Schmöker, Literatur, Reiseratgeber, Kinderbücher. Sie verschenken Bücher, die sie ausgelesen, vielleicht auch nur quer gelesen und für nicht interessant genug befunden, Exemplare, auf die sie verzichten wollen, um Platz im Regal zu schaffen.

Dieser Geschenketisch, eine Art öffentlicher Bücherschrank im Hausflur (https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentlicher_B%C3%BCcherschrank), fasziniert mich. Bücher mit anderen zu teilen ist ein besonderer Ausdruck des Zusammenlebens in diesem Haus. Als bekennender Book Junkie will ich mitmachen. Ich nehme keine Bücher weg, aber bislang habe ich auch keine auf dem Kaminsims platziert. Warum ist das so? Warum teile ich nicht mit meinen Nachbarn? Immerhin bin ich keineswegs in alle Exemplare vernarrt, die in der Bücherwand stehen. Manche fristen ein eher trauriges Dasein, sind lediglich quer gelesen. Für einige brachte ich trotz wiederholten Versuchs nicht die Geduld auf, sie zu Ende zu lesen. Es sind Bücher darunter, deren Thema sich mit den Jahren überlebte, das nicht mehr relevant ist für mein Leben oder meinen Beruf. Und es sind Geschenke dabei von Menschen, die wussten, ich bin eine leidenschaftliche Leserin, die sich jedoch beim Genre irrten. Ich lese viel, aber nicht alles bis zum Ende. Wenn es das Thema oder die Geschichte nicht schafft, meine Aufmerksamkeit zu fesseln, lege ich das Buch zuerst auf den „Noch-zu-lesen-Stapel“, nach einiger Zeit wandert es weiter ins Regal. Dort steht es eine Weile in der ersten Reihe, irgendwann landet es weit hinten, unsichtbar und vergessen.

Es sollte folglich überhaupt kein Problem sein, Bücher auf den Geschenkesims zu legen. Aber: Ich kann mich von keinem Buch trennen, sei es noch so ungeliebt. Ein klarer Fall von Suchtverhalten. Ich werde mich damit ernsthaft auseinandersetzen müssen. Einen positiven Aspekt kann ich einer Anti-Bücher-horten-Therapie schon jetzt abgewinnen: In der Bücherwand wird Platz für neuen Stoff entstehen.

 

Meine aktuelle Schreibstimmung: Neues wagen, selbst wenn es schmerzt.
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Last modified: 1. Juni 2019

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