Drinnen-Zeit

von Schreiben

Die Terrassen sind nahezu leer. Nur die Hartgesottenen halten es noch im kühlen Ostwind aus. Alle anderen lesen und schreiben wieder drinnen.

In Berlin zu leben hat für mich als Schreiberling einen eindeutigen Vorteil im Vergleich zu meinem (Vor-)Leben in der Provinz. Hier ist es selbstverständlich, im Café zu sitzen und zu lesen, zu schreiben oder eine geschäftliche Besprechung abzuhalten. Die Besprechung heißt zwar heute Meeting, was zur Caféatmosphäre aber nicht so recht passen will, wenn man von Coffeeshop-Ketten einmal absieht. Die Kaffeehauskultur lebt, wenn auch nicht mehr wie vor hundert Jahren, als Dichter in der hinteren, dunkelsten Ecke ihres Stammcafés an ihrer Kunst feilten. Mit Wien oder Paris lässt sich die deutsche Hauptstadt zwar kaum vergleichen, da es an der schieren Menge alter Kaffeehäuser mit gediegener Einrichtung und dem obligatorischen Mann am Klavier fehlt. Aber es entstehen immer mehr kleine bis kleinste Läden mit gemütlich-modernem Ambiente und freiem Internetzugang, in denen man einen Nachmittag lang arbeiten kann, ohne die mir bestens bekannten Seitenblicke der Serviererin, ob denn die vor mir stehende Tasse leer, das Glas ausgetrunken, der Kuchen verspeist sei. „Darf es bei Ihnen noch etwas sein“, ist lediglich der ausgesprochene Teil der Frage, die unausgesprochen nach dem Komma „oder kann ich endlich die Rechnung bringen?“ endet. In der nordbadischen Provinz packt der Schreiber folglich sein Notebook im Café besser nicht aus, um argwöhnische Blicke zu vermeiden. Das gilt auch für Bücher. Sollten Zeitungen ausliegen, ist deren Lektüre zumindest auf eine Kaffeetassenlänge erwünscht. In Uninähe ist es natürlich anders, wobei man dort fast ausschließlich Starbucks und andere Filialisten findet, Kaffeehäuser jedoch vergeblich sucht.

Ich will auf Mein blauer Lippenstift kein Provinz-Bashing betreiben, schließlich lebte ich Jahrzehnte zumindest in Teilzeit durchaus zufrieden dort. Außerdem hatte ich vor nicht allzu langer Zeit noch behauptet, niemals in einem Café schreiben zu können. Inzwischen gehe ich häufig aus dem Haus zum Arbeiten und Lesen. Während der vergangenen Monate suchte ich „meine ideale Schreibecke“ in Laufnähe innerhalb meines Kiezes. Gefunden habe ich sie in einem Minicafé mit nettem Chef und ebenso netten Mitarbeitern, die bereits meine Kaffeevorlieben kennen, dazu eine Auswahl an täglich frischen hausgemachten Kuchen, die jede Kalorientabelle vergessen lässt. Hier sind mein Notebook und ich inzwischen Stammgäste. Für die kommenden Wintermonate habe ich mir allerdings vorgenommen, in die U-Bahn zu steigen und zum Lesen ein paar Geheimtipps auszuprobieren.

Last modified: 27. September 2018

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