Gruftie Power

von Beruf

Zu meinem 30. Geburtstag zeichnete mir eine Freundin dieses Bild. „Jetzt gehörst Du zu den Alten“, hieß die Botschaft, auch wenn sie mir das Geschenk mit liebevollem Grinsen überreichte. Die Twenties waren vorbei, ich reihte mich in die graue Masse ein, die ihre Jugend hinter sich gelassen hat. Ich nahm es mit Humor, hängte das Bild über meinem Schreibtisch auf und lebte weiter wie zuvor.

Über dem Schreibtisch hängt die Zeichnung noch immer, weit mehr als zwanzig Jahre später, auch wenn der Schreibtisch und mein Büro sich längst nicht mehr am gleichen Ort wie damals befinden. Das nette Nagetier begleitete mich seitdem bei einigen Umzügen. Die coole alte Ratte im Agentenlook steht bis heute für die Botschaft: Deine Jugend ist vorbei! Wobei meine Ergänzung lautet: Ab sofort kannst Du es lässig angehen.

Alt, lässig oder lässig alt?

Es gibt zum Glück erfolgreiche Frauen jeden Alters, die sich kein bisschen darum scheren, wie die Gesellschaft sie klassifiziert. Selbstbewusste Frauen, die die Unterstützung durch Politik und Quotengesetze unbeeindruckt lassen. Sie dienen mir seit meiner Jugend als Vorbild. Ich will zwar weder eine politische noch gesellschaftskritische Diskussion entfachen. Diese Auseinandersetzung muss an anderer Stelle passieren. Worauf es mir ankommt, ist die Grundeinstellung, die ich mir als berufstätige und inzwischen nicht mehr gaaaaanz junge Frau in den vergangenen Jahrzehnten erarbeitet habe, die sich mit einem Sprichwort auf den Punkt bringen lässt:
Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

Raus aus der Schublade

Ob ich mit 30, 50 oder jenseits der 70 alt bin, entscheidet wer genau? Die Gesellschaft? Die Werbeindustrie? Die Arbeitgeber? Die Medizin? Meine Antwort darauf ist ebenso kurz wie definitiv: ich! Und um dem nun folgenden Aufschrei zuvorzukommen, möchte ich ergänzen, dass ich sehr wohl weiß, wie abhängig viele Frauen von den genannten Gruppen sind, nicht zuletzt vom Arbeitgeber. Wenn er entscheidet, Frau sei alt und müsse nach Hause geschickt werden, dann ist in den meisten Fällen nichts zu ändern an diesem Urteil. Die Entscheidung, aus der Schublade rauszuspringen, um freiberuflich zu arbeiten, fällte ich bewusst. Damit erkaufte ich mir ein Stück Freiheit zum Preis finanzieller Unsicherheit. Ich verließ die Schublade der Gesellschaft, in der sie „die Alten“, wie immer sie die definiert, einordnet (oder treffender: wegschließt).

Eine echte Herausforderung, die ich meistere, indem ich ein paar Regeln für mich aufstellte:

Gesellschaftlichen Konventionen begegne ich kritisch, hinterfrage sie. Wohnung aufräumen oder mein Buch zu Ende lesen? Die Antwort dürfte klar sein…

Mich und meine Ziele niemals ganz aus den Augen verlieren, auch wenn sie anderen nicht immer gefallen.

Träume lasse ich zu, frage mich allerdings auch, ob ihre Erfüllung wirklich wichtig für mich ist. Kompromisse gehören im Leben einfach dazu, sonst klappt das Zusammenleben mit Partner und Familie kaum.

Die Lebenswege von Frauen studieren. Dafür suchte ich mir Rollenvorbilder, deren Biografien mich ermuntern. Dazu gehören Freundinnen, meine Lieblingstante, Kolleginnen und einige prominente Frauen verschiedenen Alters, Schreiberinnen und Nicht-Schreiberinnen, z. B.

Gretchen Rubin, der ich in ihrem Buch Das Happiness Projekt bei ihrem Experiment folgte, das ganz alltägliche Leben einer berufstätigen Frau glücklicher zu gestalten.

Elizabeth Gilbert, die ich beim Lesen ihres Bestsellers Eat, Pray, Love auf ihrer Reise um die Welt begleitete, während der sie sich selbst als Mensch und Autorin in Frage stellte.

Iris Apfel, 94 und einfach grandios. Die New Yorker Stilikone stellt mit ihrem Gespür für extravagante Outfits und ihren Erfolgssinn als Geschäftsfrau die meisten jungen Frauen in den Schatten.

Oprah Winfrey, die sich die Freiheit nimmt, Schwäche zu zeigen. Ob sie an Gewicht zugelegt oder wieder einmal ihre Idealfigur erreicht hat, ob sie lacht oder mit ihren Gesprächspartnern weint, ändert nichts an der souveränen Ausstrahlung der TV-Talkerin.

Mireille Guiliano, Weltbürgerin und Businessfrau, die in Warum französische Frauen jünger aussehen mit einem Augenzwinkern den Wunsch von Frauen erklärt, gut auszusehen, aber keine Lust haben, jedem Mode- und Schönheitsdiktat zu folgen.

Meine aktuelle Schreibstimmung: Nachdenklich, doch bevor die Stimmung kippt, hilft
der Lippenstift in leuchtendem Orange        HKW_Website_ Icon Artikelende

 

 

Last modified: 21. September 2016

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