Ich will doch nur spielen.

von Schreiben

In den Tagen zwischen den Jahren finde ich endlich Zeit zum Spielen. Mit Themen zu spielen, über die ich im kommenden Jahr schreiben möchte. Texte, die Spaß machen, keine Routinearbeit. Träume. Experimente. Spinnereien.

Zwischen den Jahren. Die Tage zwischen Weihnachten und dem ersten Januar. Vorausgesetzt, man gehört zu den Privilegierten, die nicht am Arbeitsplatz erscheinen müssen, kann man hektisch durch diese Tage galoppieren und versuchen, noch möglichst viel im alten Jahr zu erledigen, außerdem Weihnachtsgeschenke umtauschen und dann gleich den jetzt startenden „Winter Sales“ hinterherjagen.
Die andere Möglichkeit, die Zeit zwischen den Festen zu verbringen, ist das Gegenprogramm: Lange schlafen, ausgiebig frühstücken am Nachmittag, lesen, Filme schauen, ausschließlich in Schlafanzug und dicken Socken im Dauerrelaxmodus leben, ohne auch nur einen Gedanken an irgendwelche Pflichten zu verschwenden. Das Haus ausgesprochen widerwillig verlassen und das auch nur, wenn Überlebenswichtiges wie Grundnahrungsmittel oder Toilettenpapapier aufgebraucht sind.

Grundsätzlich zähle ich mich zur zweiten Spezies, den Sich-zwischen-den-Jahren-Einiglern. Das bedeutet, später aufstehen als üblich, rumtrödeln, im Haushalt nur tun, was sich nicht selbst erledigt. Andererseits zähle ich aber auch zur ersten Kategorie, wenn ich als zu Hause arbeitende Autorin meinen Schreibtisch links liegen lasse (ich habe frei!), gleichzeitig jedoch meine Gedanken auf Hochtouren bringe. Fernab jeglicher Routine verbringe ich die Tage mit einer spielerischen Kreativität, die ich mir sonst selten erlaube. Ich lasse das vergangene Jahr Revue passieren, schmiede Pläne, schreibe Listen und denke mir Geschichten aus, die ich 2017 erzählen könnte.

Worüber will ich im nächsten Jahr schreiben? Was steht auf dem Blatt Papier, wenn ich den Stift einfach drauflos schreiben lasse?

10 Minuten

10 Minuten sind eine Ewigkeit, wenn man nicht weiß, was man damit anfangen soll. Langeweile.

10 Minuten sind eine Ewigkeit, wenn man einer Tätigkeit nachgeht, die man verabscheut. Gereiztheit.

10 Minuten sind eine Ewigkeit, wenn man ein wichtiges, z.B. medizinisches Ergebnis erwartet. Sorge.

10 Minuten sind eine Ewigkeit, wenn man in der Warteschleife hängt. Ärgerlichkeit.

10 Minuten sind eine Ewigkeit, wenn man auf den Zug, die U-Bahn, den Bus wartet. Ungeduld.

10 Minuten können so unendlich lang sein, dass man verzweifelt ihr Ende herbeisehnt.

Mut

Wie sammelt man Mut?
Worin bewahrt man ihn auf? In einem stationären Gefäß, einem Glas, einer Dose, Schachtel? Zudem in einem kleinen Gefäß zum Mitnehmen, einem Beutel, einer Fiole, in einer leeren Puderdose?
Lässt sich Mut konservieren? Oder muss er immer frisch zubereitet werden?
Kann man Mut langsam aufbauen wie einen Muskel? Muss man ständig im Training bleiben, um den Abbau zu verhindern? Oder ist der Mut nicht wieder abbaubar, wenn man ihn erst zusammengetragen hat?
Besteht die Chance, Mut mittels Kreativität, z.B. schreibend, malend oder musizierend aufzubauen?

Festplatte formatieren

Vergangenes ruht. Es ist nicht mehr wichtig. Die Wunden sind geheilt; es ist unsinnig, sie ständig wieder aufzureißen. Die Formatierung der Gedächtnisfestplatte:

SAVE wichtige Daten = schöne Erinnerungen werden von der Festplatte auf eine Sicherungsdisc verschoben.

DELETE unwichtige Daten = schmerzhafte Erinnerungen werden mittels Formatierung von der Festplatte entfernt.

Das Zuhause

sollte niemals ein Ort sein, den man dringend verlassen möchte, von dem man flüchtet.

ist ein Ort, an dem die Menschen leben, mit denen man emotional am stärksten verbunden ist. Die man liebt.

ist schön, selbst wenn das nur die eigenen Augen erkennen und andere dies nicht ebenso empfinden.

ist in uns selbst, wobei das Zuhause-Gefühl verstärkt wird durch vertraute Gegenstände und Erinnerungsstücke, die das Leben zusammengetragen hat.

ist der beste, sicherste, ultimativste Rückzugsort der Welt.

können auch mehrere Orte, Häuser, Wohnungen sein, wenn die wichtigste Person an diesen Orten ist oder wenn man dort an sie erinnert wird.

Pastell

Alles in Pastell, von der Tischdecke bis zu den Gedanken. Pastell ist zart, zurückhaltend, hält sich im Hintergrund. Dame statt Hure. Eleganz versus Street Style. Perlen, nicht rasselnde Ketten. Malerei anstelle von Proll Tattoo. Vision gegen McDonalds. Rosé, kein Neongelb. Verstand: ja, bitte! Maulheld: nein, danke! Fließende Stoffe, ohne Großmutterstrick. Cabrio contra Geländewagen in der City. Schuhe positiv, Badelatschen negativ. Leder statt Fake aus dem Billigladen. Anmut wider dicknasige Plumpheit. Sprache contra vergewaltigte Laute. Bleu, nicht Asche. Pastelliges Gelb, kein sich öffentlich entblößendes Rot.
Meine Welt in Pastell: Gespräche sind Unterhaltungen. Kleidung ist Statement. Wissen bedeutet nicht vordergründige, brutale, primitive, narzisstische Macht. Pastell ist Zivilisation. Pastell sehen, heißt Nuancen erkennen, zu differenzieren. Eine mit Liebe gestrickte Decke in Pastellfarben umhüllt die Erde, bleibt so lange liegen, bis Einklang, Einvernehmen, Friede herrschen.

Auf dem Abstellgleis

Das Leben hat mich aufs Abstellgleis geschoben. Dem Zugverkehr schaue ich aus der Entfernung zu, nehme jedoch nicht mehr daran teil. Ich warte. Worauf? Worauf genau warte ich auf meinem Gleis abseits der Hauptader des Bahnhofs? Bin ich schon in so schlechtem Zustand, dass nur noch verschrotten für mich infrage kommt? Warte ich darauf, entsorgt zu werden? Oder hat man mich auf diesem abgelegenen Gleis abgestellt, bis man wieder Verwendung für mich findet? Vielleicht weil ich ein Spezialwaggon bin, den man für besondere Transporte einsetzt. Kein Allzweckwaggon, der ständig auf Fahrt ist, beladen mit immer anderer Ware. Und wohl auch kein Waggon, der die täglich gleiche, kurze Strecke hin- und zurückfährt.

Jetzt werde ich vom Abstellgleis auf die Hauptstrecke geschoben, beladen mit interessanten Dingen. Heute mit wunderschönen, elegant in allen Regenbogenfarben schimmernden Perlmuttknöpfen aus Japan. Sie werden Kleider, Blusen, Gürtel, Schuhe und Taschen verzieren oder verschließen. Ich bin glücklich, weil es wieder losgeht. Ich nehme Fahrt auf, werde meine kostbare Ware sicher ans Ziel bringen.

Ich war also überhaupt nicht abgeschoben, hatte nur eine Wartezeit bis zu meinem nächsten Einsatz. Warum war ich dann fast panisch, fühlte mich nutzlos, alt und hässlich? Weil mir niemand gesagt hatte, was aus mir werden wird. Dass ich lediglich eine Pause einlege, mein nächster Einsatz aber schon geplant ist, beschlossene Sache, sozusagen. „Ruhe dich aus, mache Pause, trinke einen Kaffee, iss etwas Ordentliches und schlafe ein wenig.“
Es lag an der Kommunikation. Es liegt immer an der Kommunikation. Dieses allgegenwärtige Lamento bestätigt sich in meinem Fall einmal mehr. Ich hatte keine Ahnung, weshalb ich auf das Abstellgleis geschoben worden war. Wurde einfach dorthin rangiert, weg vom Verkehr, von meiner Waggonlebensader. Wie konnte ich darüber nicht bestürzt, ängstlich und zunehmend mutloser meinem scheinbar beschlossenen Ende entgegensehen? Weshalb sprach niemand mit mir – und warum habe ich niemanden nach dem Grund gefragt?

Meine aktuelle Schreibstimmung: Zwanglos. In befreiter Spiellaune.
Der Lippenstift: „Stepping Out“ von Smashbox        HKW_Website_ Icon Artikelende

Last modified: 1. Dezember 2019

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