Kalter Entzug

von HKWs Pinnwand

Es ist heiß im Zimmer. Ich reiße das Fenster auf. Nein, es ist eiskalt. Ich schließe das Fenster. Doch gleich darauf steigt wieder Hitze in mir auf. Meine Hände zittern, der Mund ist trocken, das Schlucken fällt zunehmend schwer. Mein Herz rast und der Magen scheint Achterbahn zu fahren. In meinem Kopf laufen die Gedanken gleichzeitig in acht Spuren nebeneinander. Wann hatte ich eigentlich zuletzt Appetit? Ich erinnere mich nicht.

Ziellos streife ich durchs Haus, kann nicht lange stillsitzen. Dabei fällt mein Blick wie magnetisch angezogen auf den Stoff zum Träumen, den ich überall verteilt habe. Der mich abheben lässt in ferne Galaxien, mir das Gefühl gibt, als Globetrotter um die Welt zu ziehen oder zu jeder Person zu werden, die ich sein will.
Außer in der Küche und im Badezimmer stoße ich überall auf meine Vorräte. Am Fußboden, in den Regalen, auf den Tischen. Neben dem Bett, im Wohnraum, Büro und Gästezimmer.
Im Keller wähne ich mich in Sicherheit. Bis mein Blick auf einen der Kartons fällt, die mein Sohn bei seinem Auszug zurückgelassen hat. Ich wanke, gerate prompt in Versuchung. Dabei ist in dieser Kiste überhaupt nicht die Art von Stoff, die ich bevorzuge. Da drin ist nur leichter Kinderkram, nichts für Erwachsene. Trotzdem: Wenn ich jetzt in diesen Karton greife, würde das einen neuen Tiefpunkt meines Entzugs bedeuten. Schnell drehe ich mich um, steige aus dem Keller und weg aus der verlockenden Aura der Droge, die dort achtlos zurückgelassen wurde und nun zum begehrten Objekt avanciert.

Für den November, meinen Monat des Entzugs, habe ich mir vorgenommen, die üblichen Dealer zu meiden, zu Hause zu bleiben und zu widerstehen (https://www.hkw-pressoffice.eu/vor-dem-haertetest/). Doch leider muss ich gestehen, dass ich schon letzte Woche bei einem der Online Dealer eine kleine Menge Stoff bestellt habe. Wirklich nur eine winzige Menge, zwei Tage später geliefert in einem sehr kleinen Päckchen. Aber: ich habe ihn nicht angerührt! Worauf ich unglaublich stolz bin. Nachdem ich den Stoff ausgepackt hatte, starrte ich ihn eine Weile an, bewunderte ihn und hatte große Lust, mich sofort darüber herzumachen. Ich legte ihn vor mir auf den Tisch und dachte zum ersten Mal nach Beginn des Entzugs daran, vorzeitig abzubrechen, meine Qualen zu beenden und mich dem Inhalt der Lieferung zu widmen. Ich tat es nicht, was vermutlich meine überirdische mentale Stärke beweist.
Breites Grinsen ist an dieser Stelle ausdrücklich erlaubt!
Die Hürde der Versuchung gemeistert zu haben, bedeutet mir viel. Ich bin immer noch auf dem Weg, den ich gehen will, noch zwei Wochen lang weitergehen werde.

Natürlich unterziehe ich mich während des Entzugsmonats einer Drogenersatztherapie. Die füllt den größten Teil des Tages aus. Aber sobald ich eine Pause einlege oder, wenn ich am Abend müde die Therapiesitzung beende, beginnen fast augenblicklich heftige Entzugserscheinungen. Und trotzdem werde ich auf jeden Fall bis Ende des Monats November durchhalten. Dem Ende des National Novel Writing Month (http://nanowrimo.org/). Daran besteht kein Zweifel. Selbst wenn ich stets und ständig von meinen Drogen, meinen Büchern, verlockt werde sie in die Hand zu nehmen und aufzuschlagen. Zu schmökern, zu lesen, die Lektüre zu genießen, anstatt meinem begonnenen Roman weiterzuschreiben, mindestens 50.000 Wörter sinnvoll aneinanderzureihen.

Ab dem 1. Dezember ist diese Challenge des Hard Core Writing zu Ende. Dann sind ausgiebige Lesestunden endlich wieder erlaubt und ich werde mich meinen im ganzen Haus verteilten Bücherstapeln zuwenden. Auch dem Buch, das ich mir letzte Woche online bestellte und von der Post liefern ließ. Das unangetastet auf einem Stapel wartet. Und wenn ich in den Keller steige und an der Umzugskiste meines Sohnes mit der Aufschrift „Meine Kinderbücher“ vorbeikomme, verspüre ich kein bisschen Lust, sie zu öffnen und wie ein Junkie im Entzugswahn wahllos ein Buch herauszugreifen, um mir eine Dröhnung „Der kleine Vampir“ reinzuziehen.

Meine aktuelle Schreibstimmung: Sehnsüchtig auf das Monatsende wartend.
Der Lippenstift: „After Work Wine“ von Catrice        HKW_Website_ Icon Artikelende

Last modified: 16. November 2016

Comments are closed.

No comments yet.

    × schließen