Mit erhobenem Zeigefinger

von Schreiben

Die Schulzeit liegt glücklicherweise lange hinter mir. Jetzt müssen meine Geschichten nicht mehr den Anforderungen des Deutschlehrers genügen.

Sogenannte Schattenkünstler beschäftigen sich mit Kunst, üben sie jedoch nicht aktiv aus. Künstleragenten beispielsweise, Manager, Bibliothekare, Lektoren oder Lehrer sind typische Schattenkünstlerberufe. Literaturkritiker zählen auch zu dieser Gruppe, wobei Buchhändler und Germanisten sich ebenfalls zum Kritiker berufen zu fühlen scheinen. Ich erwähnte es bereits hier im Blog an anderer Stelle: Vor etwa zwei Jahren meldete ich mich probeweise auf einer Website an, um eine Short Story kritisieren zu lassen, die ich als Übungstext verfasst hatte. Die Seite wurde nicht von einem professionellen Verlag betrieben, sondern von Laien, die gerne schreiben und sich über ihre Texte austauschen wollen. Neugierig auf die Kritik, hoffte ich auf nützliche Tipps zu der kleinen Erzählung. Erfreulicherweise wurde weder die Form noch der Aufbau bemängelt oder korrigiert. Auch Grammatik und Orthografie waren offenbar tadellos. Was dem Lektor stattdessen fehlte, waren Diagnosen und psychologische Erklärungen. Was war schief gelaufen im Leben der Protagonistin? Wie war es zu ihrem sonderbaren, bisweilen kriminellen Verhalten gekommen? Lag es am Elternhaus? Hatte sie möglicherweise körperliche oder psychische Gewalt in der Kindheit erlitten? In welchem Milieu war sie aufgewachsen? Sein Verbesserungsvorschlag bestand demnach darin, den Inhalt der Story anders auszurichten. „Arbeite Dein gewähltes Thema exakter aus, Heide!“, hätte vermutlich früher in roter Tinte unter meinem Aufsatz gestanden. Da war er also wieder: der mahnende pädagogische Zeigefinger.

Als ich die Kurzgeschichte von Pam erzählte, gefiel es mir, das Verhalten der Protagonistin in einer für sie heiklen Situation zu beschreiben. Der Leser sollte zunächst rätseln, wobei es sich um die schützenswerten Lieblinge der jungen Frau handeln möge.
Pam verhielt sich wie eine Süchtige, das war natürlich jedem Leser rasch klar. Hinzu kamen ihre offensichtliche Neigung zur Kleptomanie und die übertriebene „Betreuung“ ihrer Lieblinge. Sie war krank, befand sich in Behandlung bei Dr. Quentin. Obwohl sie den Besuch beim Psychiater fürchtete, konnte sie dem Drang, einen weiteren Lippenstift zu kaufen, nicht widerstehen.

Bei näherer Betrachtung hatte der Laienlektor mir aber doch geholfen: Ich hatte einen Text verfasst, der mittels Andeutungen das Interesse wecken sollte, ihn bis zum Ende zu lesen. Deshalb werte ich die Kritik als Neugier, mehr über Pams Leben zu erfahren und die Geschichte nicht ohne Antworten verlassen zu müssen.
Ich könnte eine Buchidee entwickeln, bei der die vorliegende Short Story als Prolog fungiert und die genannten Fragen aus retrospektiver Sicht beantwortet würden. Bis zu ihrem Termin bei Dr. Quentin sind es noch vier Tage, vier Stunden und zweiundvierzig Minuten. Pam und ich haben folglich noch Zeit, uns zu überlegen, ob wir tatsächlich tiefer einsteigen und weitererzählen möchten.

Last modified: 9. Juni 2019

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