Nicht immer war es die Oma

von Schreiben

Wem verdanke ich den Mut, meine Kreativität zu leben?

Ein Geständnis: Als erstes lese ich in einem Buch die Danksagung. Bei deutschsprachigen Autoren fällt der Dank meist knapp aus. Bisweilen begnügt sich der Schreiber auch mit einer Widmung. Anders amerikanische Autoren: Sie danken sehr vielen Menschen. Nicht selten erstreckt sich die Danksagung über eine komplette Buchseite. Diese Zeilen lese ich, bevor ich in die Handlung einsteige. Auffallend häufig wird die Großmutter mit Dank bedacht. Die Mutter der Mutter oder des Vaters scheint bedeutenden Einfluss auf Künstlerkarrieren zu nehmen. Sie ermuntert die Enkel sich auszuprobieren, kreative Neigungen zu erkennen und auszuleben.
Eine solche Oma hatte ich nicht. Mein Dank gilt meiner Großtante Millie. Mein erstes Buch war ein Sachbuch. Ich verzichtete auf die Danksagung. Wenn eines Tages mein Romanerstling veröffentlicht wird, werde ich der Schwester meiner Oma danken, die wesentlich zu der Entscheidung beitrug, einen kreativen Beruf ergriffen zu haben.

Tante Millie schrieb nicht. Sie war weder Mentorin noch Coach. Beim Start in den Journalismus unterstützten mich andere, professionelle Autoren und Schreiblehrer. Tante Millie war eine kreative, quirlige, vielseitig interessierte Frau. Sie sang im Chor, las und entwarf aufwendige Stickmuster, die sie Stich für Stich umsetzte. Zu ihren zahlreichen Passionen gehörte es, Rezepte für Desserts zu erfinden. Genau genommen mischte sie so lange alle möglichen Zutaten zusammen, bis ein Nachtisch entstanden war, der in meiner Erinnerung ebenso exotisch wie köstlich schmeckte. Für diese Kreation ersann sich meine Tante einen Namen, der natürlich ungewöhnlich klingen musste.

In den Ferien verbrachte ich meist einige Tage bei Tante Millie. Ich freute mich schon lange vorher darauf. Kein Tag war langweilig, meine Tante nie verlegen um eine Idee, meine Wünsche zu erfüllen. Als ich etwa sieben oder acht war, trug ich einen braven Pagenschnitt, wünschte mir jedoch sehnlich lange Zöpfe. Die Tante löste das Problem: Sie flocht wunderschöne, sehr lange Zöpfe aus Wolle und steckte sie mir ins Haar. Es fühlte sich herrlich an, die Zöpfe mit Schwung über die Schultern zu werfen oder sie vor der Brust baumeln zu lassen. Auch meine Passion für Handtaschen oder, besser ausgedrückt, für Behältnisse, die ich als Handtasche benutze, erkannte meine Großtante offenbar früh. Sie schenkte mir ihren kleinen Manikürekoffer aus weinrotem Leder, das Futter aus hellem Wildleder, mit zwei abschließbaren Schnappverschlüssen aus glänzendem Messing. Ich liebte dieses Köfferchen, das ich zuhause stolz als meine Handtasche präsentierte. Während meiner Teenagerjahre trug ich meine Siebensachen unter anderem im selbst gestrickten Beutel, in einer Umhängetasche aus Bast mit Goldkette oder in einer umfunktionierten Hutschachtel mit mir herum.
Als ich einmal die Winterferien in Tante Millies Haus verbrachte, veranstaltete sie eine Kostümparty, zu der sie sämtliche Mädchen meines Alters aus der Nachbarschaft einlud. Selbst leider kinderlos geblieben, verfügte sie über keinerlei Erfahrung mit einem Dutzend munterer, hübsch kostümierter kleiner Mädchen. Das Fest wurde nichtsdestotrotz ein Riesenerfolg. Wenn ich heute das Foto dieser Party anschaue, sehe ich noch immer die kreative Handschrift meiner Großtante. Im mit Luftschlangen und Ballons dekorierten Keller stehen wir auf Bänken zum Fototermin. Alle grinsen breit, die Sonne, das Rotkäppchen, der Zwerg, die Fee, der Cowboy und ich mittendrin als eine Mischung aus rotwangiger Prinzessin und grellbuntem Punk.

Es mag häufig die Großmama sein, der man zu Dank verpflichtet ist, seine Bestimmung gefunden zu haben. Ich danke meiner Tante Millie. Das Buchmanuskript ist noch unfertig. Doch den Glauben daran, dass ich es schaffen werde, es zu Ende zu schreiben, den Glauben an meine Kreativität und den Mut, unkonventionelle Wege zu gehen, gab sie mir. Heute weiß ich, wie wertvoll es ist, als Kind eine so weitsichtige Unterstützerin gehabt zu haben.

Last modified: 23. Juni 2019

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