The Monday Morning Cupcake

von Beruf

Es sei keineswegs erstrebenswert und sinnvoll, alle Ideen in Taten umzusetzen, die einem als kreativem Menschen in den Sinn kommen, stoppte mich mein Coach vor einiger Zeit bei meinem offenbaren Übereifer in Sachen neue Projekte anstoßen. Von der langen Liste der Konzepte, die ich nicht umsetzte, trauere ich einem besonders nach: (M)einem Blog mit dem Arbeitstitel „The Monday Morning Cupcake“.

Einige Zeit erzählte ich jedem, der es hören wollte, ich würde bald einen Blog starten. Ich schwärmte von meinem Projekt, hatte die Inhalte parat, wusste, was ich dem geneigten Leser erzählen wollte. Meine Tochter schenkte mir einen wunderschönen riesigen Cupcake aus Keramik, der mich ermuntern sollte, meinen Plan zu verfolgen. Ich stellte ihn stolz und erwartungsvoll (worauf ich wartete, kann ich allerdings nicht beantworten) auf das Sideboard, wo ich ihn jederzeit beim Schreiben bewundern konnte. Dr. Jürgen vom Scheidt nennt das „Griffnähe“, einen Glücksbringer, den der Autor möglichst immer nah bei sich hat, um ihn an seine Geschichte, seinen Roman, sein Drehbuch zu erinnern. Oder mich an meinen Blog.
„The Monday Morning Cupcake“ sollte er heißen, so zumindest lautete der Arbeitstitel. Am Montagmorgen einen Cupcake essen ist zwar nicht meine Sache, aber es hört sich verlockend an, und wer weiß, vielleicht wäre ein süßes, etwas kitschig Verziertes in Pastelltönen genau das richtige zum Kaffee, um die Laune zu heben am ersten Tag der Woche. Soweit die Theorie. Natürlich sollte der bunt geschmückte Cupcake mit definitiv zu viel Zucker nur sinnbildlich für einen versüßten Beginn der Arbeitswoche stehen. Jeden Montag sollte der Blog auf den Bildschirm der Leute ploppen, die ihn abonniert hätten. Da er kostenlos wäre, käme das einem Cupcake for free gleich.

Laut Umfragen werden die meisten Blognews jedoch nicht an Montagen, sondern am Donnerstagnachmittag und –abend gelesen. Den Grund für diese Usergewohnheit sehen die Umfragen in der am Donnerstagmittag beginnenden Vorfreude auf das freie Wochenende. Donnerstagabend ist der neue Freitagabend, bestätigte mir ganz unwissenschaftlich der Wirt meiner Stammkneipe. Freitag ist der Kopf demnach bereits im Wochenendmodus, lediglich der Körper sitzt noch auf dem Bürostuhl.

Dass ich „The Monday Morning Cupcake“ zwar nicht für immer verworfen, aber bislang auch nicht auf die Beine gestellt habe, hat mit den Klickgewohnheiten der Leser weniger zu tun als mit der kritischen Stimme in meinem Kopf, die mich mit der Frage konfrontiert: „Was um Himmels willen willst du den Leuten jeden Montag erzählen? Und: Glaubst du ernsthaft, deine Tipps bringen die Menschheit weiter?“

Ich habe also die Wahl mich entweder mit der Stimme auseinanderzusetzen, sie zu besänftigen, für meine Idee zu argumentieren oder ihr den Krieg zu erklären und einfach zu machen. Ich hatte mich bislang vor einer Entscheidung gedrückt und diesen Blog auf der Projekteliste nach unten verschoben. Beim Lesen eben jener Liste bleibe ich jedoch prompt beim Cupcake hängen. Ich bin es ihm schuldig, noch mal darüber nachzudenken, was ich mit diesem Blog verband. Welche Inhalte sollten es sein, die ich jeden Montagmorgen in die Internetwelt entlassen wollte?
Zum Beispiel

Lifestyle: Für Morgenmuffel
Stellen Sie Ihren Lieblingsduft neben das Bett und versprühen gleich nach dem Aufwachen gute Laune.
Oder geben Sie ein paar Tropfen ätherisches Öl (z.B. Limette, Orange, Minze) in eine Sprühflasche mit Mineralwasser ohne Kohlensäure. Sprühen Sie den dezenten Duft ins Zimmer und atmen langsam ein und aus, um das Aroma aufzunehmen. Benetzen Sie auch die Arme und Beine, das belebt und erfrischt. So fällt das Aufstehen gleich viel leichter.

Selbst-PR: Die akustische Visitenkarte
„Hallöchen, bin gerade nicht da. Hinterlasse eine Nachricht, ich melde mich.“ Hört sich die Ansage auf Ihrem Anrufbeantworter so ähnlich an, ist es höchste Zeit zum Löschen. Kurz, nett und informativ sollte der Text sein, aber niemals (nach-)lässig. Tipps für eine stilvolle Ansage erhält man z.B. unter www.karrierebibel.de.

Genuss: Zeit für mich
Wie man sich im Alltag kleine Fluchten und glückliche Momente verschaffen kann, verrät die Spitzenmanagerin und Autorin Mireille Guiliano in ihrem Buch Warum französische Frauen nicht dick werden (Bloomsbury Berlin).

Kommunikation: Hör’ doch mal zu!
Ein gutes Gespräch beginnt mit konzentriertem Zuhören. Wie effektives Zuhören funktioniert und wie man es erlernen kann, erfährt man bei der Stiftung Zuhören. www.zuhoeren.de

Beruf: Gemeinsam stark
Der Bundesverband der Frau in Business und Management e.V. (B.F.B.M.) unterhält Branchenclubs für Frauen der unterschiedlichsten Berufsgruppen. Suchen Sie auf www.bfbm.de Frauen aus Ihrer Branche zur gegenseitigen Unterstützung, zum Austauschen und Netzwerken.

Dekodesign: Lust auf Kunst?
Sie haben schon wieder keine Zeit gefunden, frische Blumen für den Schreibtisch zu besorgen? Dann bringen Sie mit Bildern etwas Lebendigkeit in den Büroalltag. Die großflächig gemalten Blüten der amerikanischen Malerin Georgia O’Keeffe sorgen mit strahlenden Gelb- und Rottönen, kräftigem, tiefem Lila oder in Pastellfarben für gute Laune.

Gesundheit: Im Gleichgewicht
Hören Sie an besonders hektischen Tagen leichte Klassikklänge oder Smooth Jazz. Der amerikanische Musikprofessor Arthur W. Harvey fand heraus, dass Musikstücke, die unter dem Rhythmus des durchschnittlichen Herzschlages von Erwachsenen (68 bis 72 Schläge pro Minute) liegen, die Pulsfrequenz beruhigen.

Stellt sich also die Frage, ob meine Tipps

  1. für irgendjemanden lesenswert sind?
  2. einen praktischen Nutzen haben?
  3. nicht schon hundert-, wenn nicht tausendfach im Netz, in Ratgeberbüchern, in Kursen zu erhalten sind?
  4. somit schlichtweg überflüssig sind?

Und ich frage mich

  1. ob mir jeden Montagmorgen ein Ratschlag oder zumindest eine originelle Idee für meine Leser einfallen wird?
  2. wie lange es dauert, bis sich die ersten Leser über den „Mist“ oder, elegant umschrieben, den „fehlenden Content“ beschweren, den ich allmontäglich in die Welt puste.
  3. wie viel Mut ich danach noch aufbringe, weiterzumachen?

Sollte ich also zuerst mal mein Selbstvertrauen auf Vordermann bringen, bevor ich den Teig für den ersten bunt verzierten Cupcake mische?

Es ist völlig egal, wie meine Entscheidung ausfallen wird. Ob „The Monday Morning Cupcake“ den Weg auf den Internet-Kuchenteller findet oder als Rezept weiter auf meiner Ideenliste vor sich hin dümpelt:
Den Keramik-Cupcake liebe ich nach wie vor. Nicht zuletzt ist er ein Symbol dafür, dass es Menschen gibt, die an mich bzw. an meine Kreativität glauben.

 

Meine aktuelle Schreibstimmung: Ad acta legen oder doch dranbleiben am Cupcake-Thema?
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Last modified: 11. Juni 2017

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