Und es lebt doch

von Schreiben

Hilfe, mein Notebook schikaniert mich!

Früher war doch alles besser. Der Schreiber nahm Papier, Feder und Tintenfass und legte los. Ohne Warten, denn das Tintenfass schraubte er auf, statt die On-Taste des Notebooks zu drücken, ein Stoßgebet zu sprechen und zu hoffen, der Bildschirm möge schnell signalisieren er sei bereit zur Arbeit. Der Schreiber nahm die Feder zur Hand, um seine Texte zu Papier zu bringen. Tinte, Federn und Papier lagen vorrätig im Schrank. Nichts hielt den Schreiber ab, seine Tätigkeit, wann immer er wollte auszuüben.
Ich dagegen bin wütend. Ich besitze ein Notebook, das offenbar mein Leben kontrollieren will. Für gestern Abend hatte ich Kinokarten für „Ben is back“, den neuen Film mit Julia Roberts, reserviert. Diese Reservierung stornierte ich, weil ich bis zum Nachmittag noch keine Zeile geschrieben hatte. Es ist jedes Mal dasselbe Spiel: Ich muss/will zu einem Termin, einer Verabredung, ins Theater. Also stelle ich einen Zeitplan auf, in dem auch ein paar Stunden zum Schreiben berücksichtigt sind. Das scheint meinem Notebook zu missfallen. Arzttermine akzeptiert es, Friseurbesuche nimmt es eben hin, aber sonstige private Vergnügungen hält es für überflüssig. Dann spielt es wirklich jedes Mal die Diva.
Wie zum Beispiel gestern: Ich wollte einen Text verfassen, davor noch schnell ein Dokument einscannen. Schon beim Hochfahren war klar, das würde ein zähes Unterfangen werden, ich würde Geduld (und Zeit) brauchen. Aus irgendeinem Grund verzichtete es darauf, die üblichen Funktionsbuttons zu aktivieren. Was erneutes Hochfahren bedeutete. Dann schien es Funktionsbereitschaft zu signalisieren, dachte ich jedenfalls. Kaum hatte ich den Scanner angeschaltet, kam die unvermeidbare Message: Neue Updates werden heruntergeladen. Wer mit Win10 geschlagen ist wie ich, kennt das Prozedere: Alle weiteren Prozesse arbeiten langsamer, am besten verlässt man den Schreibtisch und geht eine gemächliche Runde um den Block. Das Update abzubrechen lässt Win10 nicht zu. Mac User werden sich jetzt bestätigt fühlen, aber: Lasst stecken, auch ich bin lernfähig.

Sobald die Updaterei endlich abgeschlossen, das Notebook gefühlte zehnmal runter- und wieder hochgefahren war, scannte ich das Dokument, versandte es und wollte danach mit bereits vierzigminütiger Verzögerung beginnen zu schreiben. Dummerweise beging ich einen rückblickend folgenschweren Fehler, als ich den Scan noch rasch in den Papierkorb verschob und mich wunderte, dass das Icon einen leeren Korb zeigte, obwohl die Datei im geöffneten Korb zu sehen war. Ich leerte den Papierkorb und siehe da: Das Icon zeigte an, der Korb sei nun gefüllt.
Zum Verständnis: Papierkorb gefüllt: angezeigter Zustand = leer. Papierkorb entleert: angezeigter Zustand = gefüllt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ich schmunzeln, den Kopf schütteln und es genug sein lassen sollen. Eine weitere Kapriole, um die ich mich morgen kümmern könnte. Das Notebook kennt mich aber offenbar genau. Es weiß, ich finde keine Ruhe, wenn ein derartiges Problemchen ungelöst bleibt. Ich fragte also bei Tante Google, was zu tun sei, um wieder Normalität in Sachen Papierkorb zu bekommen. Wie stets fand ich jede Menge Freaks, die, völlig gleich, wie marginal der Fehler sein mag, dazu raten, die Festplatte zu formatieren, sämtliche Software neu zu installieren, mindestens eine zusätzliche Sicherheitssoftware zu kaufen, nach Trojanern zu fahnden oder im BIOS nach dem Rechten zu sehen.
Sorry Jungs, das ist in den meisten Fällen nur männliche Kraftmeierei. Laien wie mir helfen solche „Ratschläge“ nicht, wobei ich mir ganz laienhaft erlaube, sie als überzogen zu bewerten. Tante Google half also nicht weiter. Aber, wie fast immer, meine zuverlässigen Retter der Fachzeitschrift ‚Chip‘. Dort fand ich die Lösung des Problems, das sich tatsächlich als Problemchen entpuppte und mit drei Klicks beheben ließ. Der Papierkorb zeigte wieder an, ob er voll oder leer war, ich konnte mich dem Schreiben widmen. Mit inzwischen fast zwei Stunden Verspätung. Es blieben noch knapp eineinhalb Stunden, dann würde ich mich zum Ausgehen umziehen müssen. Dazu kam es wie vorherzusehen nicht, das Notebook hatte gewonnen. Ich saß in meinen Schlabberschreibklamotten im Sessel und tippte den Text, mit dem ich mich eigentlich Stunden zuvor hätte beschäftigen wollen.

Der Schreiber von früher hatte natürlich keine Kinokarten reserviert. Julia Roberts kannte er auch nicht. Nicht einmal das Kino. Vielleicht plante er, sich am Abend zum Hauskonzertieren zu treffen. Oder mit Freunden im Wirtshaus zu zechen. In diesem Fall legte er beizeiten die Feder zur Seite, schraubte das Tintenfass zu, ordnete das beschriebene Papier und machte sich auf zu seinem Vergnügen. Win10 befand sich zu seinem Glück noch in sehr ferner Zukunft.
Ich allerdings stand gestern Nachmittag wieder einmal kurz davor, das Notebook aus dem Fenster zu werfen. Einfach im hohen Bogen rauswerfen und mich über das Krachen freuen, wenn es auf dem Asphalt im Hof landet. Doch dann träfe es womöglich den Hausmeister am Kopf, wenn er gerade sein Fahrrad aus dem Schuppen holen will. Das ließ ich dann doch lieber, der Mann kann schließlich nichts dafür, dass ich mit einem missgünstigen Spielverderbernotebook zusammenlebe.
Künftig werde ich lügen. Ich werde kein lautes Wort darüber verlieren, Karten für welche Veranstaltung auch immer oder einen Tisch im Restaurant zu reservieren. Stattdessen verkünde ich, ich müsse schon wieder zum Zahnarzt, weshalb weniger Zeit zum Arbeiten bliebe. Bleibt zu hoffen, Win10 und mein Notebook blättern nicht heimlich in meinem Kalender. Habe also für heute Abend reserviert. Heimlich, am Notebook meines Partners.

Last modified: 11. Januar 2019

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